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Der Druck auf den Nerv muss weg

Eine schonende Methode, die in den USA entwickelt wurde, lindert Bandscheibenschmerzen und ver-schafft dem bedrängten Nerv wieder Raum. Von dem Verfahren, das ohne Skalpell oder Laser aus-kommt, profitieren seit kurzem auch Patienten in Deutschland

Das Herz schlägt gleichmäßig, der Kreislauf ist stabil, der EKG-Monitor zeigt: Die Patientin ist ganz ruhig. "Erschrecken Sie nicht, wir malen Sie jetzt nur ein bisschen an", scherzt Dr. med. Reinhard Schneiderhan, als er das rotbraune Desinfektionsmittel aufträgt. Das Lächeln, das er damit der Patien-tin entlockt, wirkt trotzdem etwas unsicher. Die 46-jährige Büroangestellte liegt bäuchlings auf dem Behandlungstisch im kleinen Operationsraum. Dr. Schneiderhan hat sie über den Eingriff, den er heute bei ihr durchführt, eingehend informiert. Vor fünf Jahren war sie wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert worden. Man hatte dabei Band-scheibengewebe, das auf den Ischiasnerv drückte, entfernt. Die Schmerzen waren nach der Operation zunächst einmal vergangen, aber es hatten sich Narben gebildet. Nun drückten die auf den Nerv, was genauso weh tat wie der Vorfall selbst. Fünf Jahre lang hat sie das ganze Spektrum an Schmerzthera-pien durchlaufen - ohne Erfolg. Nun soll auch ihr das neue Verfahren helfen, das Schneiderhan, Or-thopäde und Leiter des Schmerztherapeutischen Kolloquiums München, anwendet. Minimal invasive epidurale Wirbelsäulenkathetertechnik lautet der komplizierte Name des Verfahrens. Dahinter steckt eine Methode, die Patienten und Patientinnen nur wenig belastet: über einen Spezialkatheter wird an die Stelle der Wirbelsäule, wo Verengungen oder Vernarbungen die Nerven reizen, eine Kombination verschiedener Medikamente injiziert. Für das Legen des Katheters ist nur eine örtliche Betäubung nö-tig.

Kochsalzlösung schafft Platz für den Nerv

"Der wesentliche Vorteil der Methode", so Schneiderhan, "liegt darin, dass man exakt an die Gewebe-strukturen herankommt, die auf die Nervenwurzel drücken. Der Katheter wurde speziell für diesen sensiblen Bereich in der Nähe des Rückenmarks entwickelt." Eine filigrane, bei leichtester Berührung sich biegende Feder an der Katheterspitze verhindert, dass Gewebe verletzt wird. Die zweite Raffines-se der Methode: Die eingespritzte Medikamentenkombination unterbricht nicht nur die Schmerzleitung, sondern befreit den bedrängten Nerv, ohne dass geschnitten oder gelasert werden muss. "Neben ei-nem modernen Betäubungsmittel und einem einmalig verabreichten Cortisonpräparat gegen die Ent-zündung injizieren wir Kochsalzlösung und ein Enzympräparat", erklärt der Schmerztherapeut. "Die Kochsalzlösung zieht Flüssigkeit aus dem Gewebe, es schrumpft und braucht nicht mehr soviel Platz - der Druck auf den Nerv lässt nach. Das Enzympräparat soll zusätzlich Verklebungen oder Vernarbun-gen auflösen."

Besonders geeignet bei Vernarbungsschmerzen

Die Patientin ist nun mit sterilen Tüchern abgedeckt, nur ein handtellergroßer Bereich knapp oberhalb des Steißbeins ist sichtbar. Als Eintrittspforte und Wegbereiter für den Katheter legt Schneiderhan zunächst eine stricknadeldünne Hohlnadel, Introducer genannt. Die Patientin spürt nichts davon, die Eintrittsstelle ist örtlich betäubt. Per Röntgenaufnahme wird kontrolliert, ob die Nadel (die später wieder entfernt wird) richtig sitzt. Dann kann der Katheter durch die Hohlnadel in den Kreuzbeinkanal einge-führt werden. Ganz vorsichtig schiebt ihn Schneiderhan in den Bereich der untersten Lendenwirbel vor, dorthin, wo die Vernarbungen sitzen. Ein Kontrastmittel, das er durch den Katheter einspritzt, zeigt dem Orthopäden auf dem Röntgenmonitor, dass er exakt die entscheidende Stelle erreicht hat und die Medikamente injizieren kann. Zum Schluss wird der Katheter am Körper befestigt. Das äußere Ende erhält eine Sterilmembran, durch die die nötigen Medikamente in den nächsten zwei Tagen noch vier-mal nachgespritzt werden. So lange bleibt die junge Frau noch in der Klinik. Sie soll sich auf ihrem Zimmer jetzt noch eine Stunde ausruhen, dann darf sie bereits aufstehen und herumlaufen. Nur bü-cken ist die nächsten Tage noch streng verboten.
Die Büroangestellte ist sozusagen eine Musterpatientin. Denn "gerade für die Fälle, bei denen Narben nach einer Bandscheibenoperation zu chronischen Schmerzen führen, eignet sich die Methode hervor-ragend", meint Dr. Schneiderhan. "Mittlerweile führen wir die Hälfte unserer Behandlungen bei solchen Patienten durch." Die Methode wurde bereits Anfang der 80er Jahre in den USA von Prof. Gabor Racz entwickelt, ist in Europa allerdings noch wenig bekannt. Schneiderhan war einer der Ersten, der hierzu-lande diese Behandlungsmethode angewendet hat.
Zu den erfolgversprechendsten Anwendungsgebieten zählt er neben dem erwähnten Schmerzsyndrom durch Narbengewebe vor allem den klassischen, frischen Bandscheibenvorfall, der noch nicht operiert werden muss. Aber auch Bandscheibenvorwölbungen, die mit den konservativen Behandlungsmetho-den nicht in den Griff zu bekommen sind, und arthrotische Verengungen im Bereich der Nervenwur-zelabgänge, lassen sich damit behandeln.

Ein Ausweg, um die Operation zu vermeiden

Auch die 49-jährige Christel Kirsten bereut ihre Entscheidung für die Kathetertechnik nicht, obwohl ihre Krankenkasse die Kosten nicht übernommen hat. Sie hatte sich Anfang des Jahres behandeln lassen, weil ihre Rückenschmerzen wegen einer Bandscheibenvorwölbung schlimmer geworden waren. "Ich konnte nicht mehr zur Arbeit, nicht mehr Auto fahren, nicht einmal mehr so lange sitzen, dass ich eine Zeitung hätte lesen können", schildert sie die Monate vor dem Eingriff. "Im Vergleich zu einer Operati-on, die mir als anderer Ausweg noch geblieben wäre, schien mir diese Behandlung die bessere Alter-native.

Minimal-invasive epidurale Wirbelsäulenkathetertechnik - die Fakten

Anwendungsbereiche:

Insbesondere sehr starke, akute Schmerzen bei Bandscheibenvorwölbung oder Bandscheibenvorfall, die ambulant nicht zu lindern sind; chronische Schmerzzustände nach Bandscheibenoperation, bei-spielsweise aufgrund von Vernarbungen; schmerzhafte Wirbelsäulenveränderungen, z.B. durch Arth-rose.

Vorgehensweise:

Unter örtlicher Betäubung und Röntgenkontrolle führt der Arzt einen Spezialkatheter in den rücken-marksnahen Raum der Wirbelsäule ein. Er platziert die Spitze im gewünschten Bereich, z.B. dort, wo der Nerv aus dem Rückenmarkskanal austritt. über den Katheter spritzt er ein lokales Betäubungsmit-tel, Cortison, Kochsalzlösung und ein Enzympräparat ein. Der Katheter bleibt zwei Tage liegen. Die Medikamentenzuführung (außer Cortison) erfolgt in diesem Zeitraum noch je zweimal.

Dauer der Behandlung:

Das Legen des Katheters und die erstmalige Medikamentengabe dauert rund eine halbe Stunde. Ein drei- bis viertägiger Klinikaufenthalt ist nötig.

Kosten für Kassenpatienten:

Die Behandlungskosten (ohne stationären Aufenthalt) liegen bei 2000 DM. Die gesetzlichen Kassen übernehmen die Kosten nicht automatisch. Bei begründetem Antrag und je nach Krankengeschichte ist per Einzelfallentscheidung eine Kostenübernahme aber möglich.


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