Kathetertechnik & Hitzesonde

Sieben Hals-, zwölf Brust- und fünf Lendenwirbel: Unser Rückgrat ist ein Wunderwerk der Natur; Es hält uns aufrecht, wenn Muskeln, Knochen und Nerven auf geniale Weise zusammenarbeiten, damit wir einen Fuss vor den anderen setzen können. Doch dieses schöne System ist störanfällig. Das bekommen immer mehr Menschen zu spüren.
"Etwa 70% aller Personen zwischen 20 und 40 Jahren haben bereits Probleme mit ihrem Rücken", sagt der Orthopäde Dr. med. Reinhard Schneiderhan. "Im Alter sogar fast jeder. Wegen unerträglicher Schmerzen nach einem Bandscheibenvorfall lassen sich jedes Jahr über 100000 operieren." Ohne Garantie auf Erfolg. Zu oft und zu schnell werden operative Therapieformen &ndash: ob offene oder minimalinvasive Operationen – bei Wirbelsäulenschmerzpatienten durchgeführt.
Doch jetzt gibt es zwei neue Methoden, die gepeinigte Rückenpatienten wieder hoffen lassen. Und das sogar ohne Operation.
Bei Bandscheibenvorfällen und -vorwölbungen, bei schmerzhaften Verengungen im Wirbelkanal sowie bei Patienten, bei denen es nach einer Operation zu Vernarbungen gekommen ist, hilft eine neue Kathetertherapie aus den USA, bei der ein AntiSchmerz-Katheter direkt an der betroffenen Nervenwurzel platziert wird.
Bei Schmerzen durch Fehlstellungen, Verschleisserscheinungen und lnstabilitäten der Wirbelsäule zeigt eine neue Hitzesonde, die den Schmerz ausschaltet, erstaunliche Erfolge.
Dr. Schneiderhan, der als einer der ersten in Deutschland beide Methoden bereits mit Erfolg anwendet, hat sich in seiner Münchner Praxis besonders auf die Behandlung von Rückenschmerzen spezialisiert. Darüber hinaus ist er Leiter des renommierten Schmerztherapeutischen Kolloquiums der Bayerischen Landeshauptstadt.
Die Kathetertechnik
Die Wirbelsäulen-Kathetertechnik führt er neben verschiedenen anderen schmerztherapeutischen Maßnahmen stationär in der Münchner Dr.-Michael-Schreiber-Klinik durch. Zunehmend an Patienten mit chronischen Schmerzen, die ihm von anderen Orthopäden und Spezialisten mittlerweile aus ganz Deutschland zugewiesen werden.
Die epidurale Wirbelsäulenkathetertechnik eignet sich bei ausstrahlenden Wirbelsäulenschmerzen, wie z.B. dem "lschias"-Schmerz, oder bei in die Arme und Hände ausstrahlenden Halswirbelsäulenschmerzen. "Wenn ich einen Bandscheibenvorfall hätte, würde ich zuerst diese Methode ausprobieren – man kann nur gewinnen", sagt der Wirbelsäulenspezialist.
"Sie ist ein risikoarmes, minimalinvasives Verfahren, das ohne Narkose, ohne Schnitt und ohne Verletzungen durchgeführt werden kann", erklärt er nicht ohne Begeisterung. "Es eignet sich für nahezu alle Bandscheibenpatienten, sowohl im Bereich der Lendenwirbelsäule als auch im Bereich der Halswirbelsäule".
Das ist das ganz Neue an dieser Behandlung. Bisher gab es für Patienten mit Bandscheiben, Nerven- und Arthroseschmerzen an der Halswirbelsäule kaum Möglichkeiten für eine Intensivtherapie ohne Operation. Da bot sich die an der Lendenwirbelsäule bewährte Technik geradezu an.

Die Wirbelsäulenkathetertechnik mit epiduraIem Injektionsverfahren wurde von einem der führenden Schmerzprofessoren der USA, Prof. Racz (Texas), entwickelt.
Bei der Durchführung liegt der Patient auf dem Bauch. Eine Vollnarkose ist nicht erforderlich. Das vermeidet zusätzliche Risiken.
Unter örtlicher Betäubung führt der Orthopäde eine Spezialkanüle in die Wirbelsäule ein: bei Lendenwirbelbeschwerden im Steißbeinbereich, bei Halswirbelschmerzen im oberen Bereich der Brustwirbelsäule. Unter Röntgenkontrolle kann er die genaue Lage der Kanüle überprüfen.

Dann schiebt Dr. Schneiderhan einen speziell für dieses Verfahren entwickelten Katheter (ca. 70 cm lang, 1,7 bis 2,1 mm dünn) durch die Nadel in die Nähe des Rückenmarks (Fachausdruck: Epiduralraum) vor. Der Katheter ist am Ende mit einer Edelstahlspiralfeder versehen, wodurch ein schonendes, verletzungsfreies Vorschieben möglich ist. Grundprinzip der Behandlungsmethode ist die Abschwellung und Entwässerung des störenden Gewebes, wodurch die Nervenwurzel entlastet wird.
Gegenüber einem operativen Eingriff wird dabei das Gewebe der Bandscheibe lediglich "schrumpelig.., nicht aber verletzt. Durch die zielgenaue Injektion verschiedener Medikamente (schmerz- und entzündungshemmende Mittel, Kochsalzlösung) erreicht der Arzt gleich mehrere Effekte: Das Gewebe, das den Nerv umgibt und ihn einengt, schrumpft. Entzündungen bilden sich zurück. Der Schmerz wird zielgenau bekämpft. Zum Schluss spritzt der Arzt eine besondere Enzymlösung durch den Katheter, die rückenmarksnahe Vernarbungen und Verklebungen löst.
Der gesamte Eingriff dauert nicht länger als 30 bis 40 Minuten. Schon eine Stunde nach der Behandlung kann der Patient aufstehen und herumgehen. Er darf auch sofort essen und trinken. Der Krankenhausaufenthalt dauert nur drei Tage. In dieser Zeit bekommt der Patient über den Katheter noch vier weitere Injektionen mit Schmerzmittel, Kochsalzlösung und Enzymen gespritzt. Natürlich nicht mehr im Operationssaal, sondern in seinem Krankenbett. "Die besten Ergebnisse erzielt man.., so Dr. Schneiderhan, "bei akuten starken Schmerzen, die z.B. durch eine Bandscheibenvorwölbung oder einen Bandscheibenvorfall ausgelöst werden. Aber auch bei chronischen Schmerzen und Nervenwurzelreizungen durch Abnutzungserscheinungen an den Nervenwurzelaustrittsstellen und bei Schmerzpatienten mit zurückliegenden Bandscheibenoperationen lässt sich langfristig eine vollständige Besserung oder zumindest eine wesentliche Linderung der Beschwerden erreichen... Postoperativ aufgetretenes Narbengewebe führt bei diesen Patienten zu vergleichbaren Schmerzen und Schmerzausstrahlungen wie bei einem klassischen Bandscheibenvorfall. Weitere Operationen werden von diesen Patienten meist abgelehnt. "Trotz großer Fortschritte in der Weiterentwicklung besonders bei minimalinvasiven Operationen muss die Indikation durch den behandelnden Arzt sehr sorgfältig gestellt werden.., betont der Wirbelsäulenexperte.
Zwar können die Patienten schon nach ihrer Entlassung wieder leichte Arbeiten verrichten, körperliche Belastungen sollten jedoch erst nach weiteren zwei Wochen erfolgen. Als Nachbehandlung empfiehlt der Orthopäde eine speziell ausgearbeitete Krankengymnastik, um die Wirbelsäule zu stabilisieren.
Die Hitzesonde
Ähnlich gute Ergebnisse wie die Kathetertechnik zeigt die Behandlung mit einer neuartigen Hitzesonde. Sie eignet sich für Patienten mit Schmerzen durch Fehlstellung, Verschleißerscheinungen und Instabilitäten der Wirbelsäule. Das sind alles Rückenschmerzen, die nicht in andere Gliedmassen ausstrahlen. Wenn allerdings die Halswirbelsäule betroffen ist, kann es hier zu Kopfschmerzen kommen, deren Ursache oft nicht erkannt wird. An der Lendenwirbelsäule leiden die Patienten dann unter einem tief sitzenden Kreuzschmerz, der nicht wie beim Bandscheibenvorfall in die Beine ausstrahlt. "Ein deutliches Erkennungszeichen ist auch die Tatsache, dass diese Schmerzzustände besonders bei Bewegungen auftreten", so Dr. Schneiderhan.
Zur Behandlung mit der Hitzesonde liegt der Patient ebenfalls auf dem Bauch oder allenfalls auf der Seite. Unter Röntgenkontrolle und örtlicher Betäubung platziert der Arzt eine feine Kanüle über der schmerzenden Stelle.

Durch diese Kanüle schiebt er eine nur 0,4 mm dünne High- Tech-Sonde mit einer Hitzeelektrode bis an das Wirbelsäulengelenk, das dem Patienten meist bereits über Monate erhebliche Schmerzen bereitet hatte. Oftmals sind bei diesen Patienten bereits mehrfach gezielte Injektionen durchgeführt worden, die eine vorübergehende Beschwerdelinderung gebracht hatten, jedoch nur für einige Tage.
Exakt 60 Sekunden später ist der Patient seine teuflischen Rückenschmerzen los. Die Thermosonde hat die schmerzenden Nerven in dieser kurzen Zeit durch einen Hitzereiz (70 Grad) einfach ausgeschaltet.
Dazu ist die Sondenspitze an einen Computer angeschlossen, der den Strom zur Erwärmung exakt berechnet und die nötige Energie in die Sonde leitet. Im Nervengewebe wird ein etwa erbsengroßer Bezirk erhitzt, was die Leitfähigkeit der Schmerzfasern unterbricht. Aufgrund der örtlichen Betäubung spürt der Patient nichts davon.
Die Behandlung mit der Hitzesonde dauert ebenfalls nur 30 Minuten und ist sowohl ambulant als auch stationär möglich. Der stationäre Aufenthalt wird besonders Patienten empfohlen, die von außerhalb zur Therapie anreisen. Eine abgestimmte Physiotherapie sollte auch dieser Behandlung folgen.
Von dieser neuen Methode profitieren viele Patienten, denen sogar eine herkömmliche Bandscheibenoperation nicht helfen konnte und die auch nach solchen Eingriffen immer noch unter Schmerzen leiden (Fachausdruck: Postnukleotomie-Syndrom). "Das kommt häufiger vor, als man denkt", sagt Dr. Schneiderhan. "Wenn der vorgewölbte Anteil der Bandscheibe, der auf den Nerv gedrückt hat, entfernt wurde, gibt es zwei häufige Komplikationen. Entweder bilden sich im Operationsfeld Narben, die wieder von neuem auf den Nerv drücken. Oder die benachbarten Wirbelgelenke werden instabil, weil einfach Bandscheibengewebe fehlt. Diese Instabilität führt oft zu einer äußerst schmerzhaften Früharthrose der betroffenen Wirbelgelenke."

Orthopäden und Krankengymnasten sind dagegen machtlos. Schmerzmittel wirken nur vorübergehend. Eine gezielte Physiotherapie ist wegen der Schmerzen nicht mehr möglich. Ein Teufelskreis. Die Patienten verlieren jede Hoffnung. Das gilt sowohl für Patienten mit Verschleißerscheinungen als auch für erfolglos Operierte. "Bei vielen Operationen werden Sinn und Zweck der Schmerztherapie völlig auf den Kopf gestellt", fährt der Orthopäde aus München fort. "Deshalb empfehlen wir grundsätzlich erst dann zu operieren, wenn alle anderen konservativen Maßnahmen, einschließlich minimalinvasiver gezielter schmerztherapeutischer Maßnahmen, erfolglos bleiben. Einzige Ausnahme: Lähmungserscheinungen oder andere gravierende neurologische Ausfälle."
Doch glücklicherweise stehen mit den bei den neuen minimalinvasiven Verfahren jetzt schon zwei Techniken zur Verfügung, die die meisten Operationen vermeiden helfen.
