Wege aus dem Schmerz

16.12.2004 Rund 80 000 Bandscheiben-Patienten werden in Deutschland jährlich unters Messer "gebeten". Dabei gibt es längst schonendere Alternativen.

Ein Vorfall mit Folgen

Haben Sie beim Umzug mal wieder den starken Mann markiert; Und sich an der Waschmaschine ei-nen "Bruch" gehoben? Ihr Einsatz in Ehren, aber wer nicht über ein stattliches Muskelkorsett verfügt und die korrekte Hebetechnik beherrscht, der macht schnell unliebsame Bekanntschaft mit seinen Bandscheiben. Mit Glück helfen dann Ruhe und gegebenenfalls eine Spritzenbehandlung beim Haus-arzt dem verrutschten Stoßdämpfer wieder in seine ursprüngliche Lage zurück. Wenn nicht, müssen Sie aber noch längst nicht zur Operation antreten. Der Münchner Orthopäde Dr. med. Reinhard Schneiderhan jedenfalls hält mindestens 70 % aller durchgeführten Operationen für überflüssig. In seiner Praxis hat der Rückenspezialist daher das Skalpell gegen einen Katheter eingetauscht (siehe Abbildung vorherige Seite). Bei seiner Methode, der "epiduralen Wirbelsäulenkatheter-Technik", wird nach örtlicher Betäubung durch eine Nadel ein feiner, elastischer und steuerbarer Katheter an die Wurzel des übels geschoben und über diesen ein Medikamentencocktail aus Enzymen, Kochsalz, schmerzstillenden und entzündungshemmenden Substanzen eingespritzt. In der Folge schrumpft die vorgequollene Bandscheibe und zieht sich wieder zurück. Weitere positive Effekte des sanften Ein-griffs: Der Schmerz wird dort, wo er entsteht, bekämpft, Entzündungen klingen ab. Zudem kann sich der Patient unmittelbar danach wieder bewegen. Dadurch bleibt die stützende Muskulatur erhalten und muss nicht erst mühsam wieder aufgebaut werden. Einziges Manko: Nur private Kassen übernehmen die Kosten; die Gesetzlichen zahlen je nach Antrag und Einzelfallentscheidung.

Interview

Risikoarm: Operation ohne MESSER
Eine Injektion lässt vorgequollene Bandscheiben wieder einschrumpfen. So drücken sie nicht mehr auf den Nerv.

FIT FOR FUN:

Wann ist denn eine Operation heute überhaupt noch nötig? Wenn Lähmungen oder gravierende neurologische Ausfälle auftreten. Ansonsten sollte man zunächst alle konservativen Maßnahmen ausschöpfen.

Wer sind Ihre Patienten?

Die Methode eignet sich zur Sofortbehandlung bei fast allen Beschwerden. Etwa 60 bis 70 % unserer Patienten haben aber bereits eine Operation hinter sich, nur sind sie trotzdem nicht beschwerdefrei.

Was leistet denn Ihre Methode, was eine Operation nicht kann?

Das größte Problem bei einer klassischen Operation besteht darin, dass sich in der betroffenen Region sehr häufig Narben bilden. Die können später ebenso auf den Nerv drücken wie zuvor die Bandschei-be selbst. Das ist bei unserem Verfahren ausgeschlossen. Im Gegenteil: Enzyme, die wir über den Katheter einspritzen, lösen vernarbtes Gewebe sogar wieder auf.

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