Stabilisieren oder ersetzen?

Die seriöse Forschung streitet sich: Versteifungsoperation oder Implantat bei zerschlissenen Bandscheiben?

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Die seriöse Forschung streitet sich: Versteifungsoperation oder Implantat bei zerschlissenen Bandscheiben?

Bei fortgeschrittener Degeneration der Bandscheiben mit starken, chronischen Schmerzen und Lähmungen der Beine kommt eine Versteifung der Wirbelsäule durch Stabilisierung oder eine künstliche Bandscheibe in Betracht. Der Klassiker Stabilisierung hat mit dem Implantat seit einigen Jahren eine mächtige Konkurrenz. Wenngleich das erste Implantat in der DDR eingesetzt wurde – schließlich war die Charité mal „drüben“ –, öffentlich wahrgenommen wird es hierzulande erst seit etwa fünf Jahren. Eine spannende Technologie ist das, keine Frage. Doch noch in den „Kinderschuhen“ und in den USA bislang nur für die Halswirbelsäule zugelassen. Dagegen gibt es hierzulande Patienten, die ihre Ärzte unabhängig vom betroffenen Wirbelsäulensegment regelrecht zum Implantat zwingen.

In aller Regel wissen Spezialisten zu differenzieren, wer wofür geeignet ist. Zumal die Entscheidung immer von mehreren Faktoren abhängt: vom Implantat, vom Operationsverfahren, vom Operateur und nicht zuletzt vom Patienten selbst. Jung (45 bis 50), aktiv und mit guter Knochendichte sind Kriterien, um über ein Implantat nachzudenken. Übergewichtig und/oder mit schwacher Knochenstruktur geht dagegen gar nicht.

Besondere Anforderungen

„Die Probleme sind vielfältig: Sowohl die Implantate als auch die Operationstechniken müssen besonderen Anforderungen genügen. Allgemeingültige Lösungen für jeden Patienten und jede Problemstellung sind noch lange nicht verfügbar“, meint Dr. Franz Copf, Wirbelsäulenchirurg und Neurochirurg an der Galenus Fachklinik für Wirbelsäulenchirurgie in Stuttgart, gegenüber Orthopress.

Dr. Reinhard Schneiderhan, Wirbelsäulenspezialist und Chef der Münchener Praxisklinik Dr. Schneiderhan und Kollegen, ergänzt gegenüber Medmonitor: „Noch immer werden in Deutschland zu viele Rückenschmerz-Patienten operiert. Selbst bei ausgeprägten Veränderungen und Instabilitäten der Wirbelsäule sollte eine äußerst sorgfältige Diagnostik durchgeführt werden, die Fachkollegen der Disziplinen Radiologie, Neurologie und gegebenenfalls Anästhesie einbezieht. Große neurochirurgische oder orthopädische Operationen wie Bandscheibenersatz oder Wirbelsäulenversteifungen sollten erst dann in Erwägung gezogen werden, wenn alle konservativen und minimalinvasiven Behandlungsmaßnahmen ausgeschöpft worden sind.“

Stabilisation

In der Vergangenheit war die „Versteifungsoperation“, medizinisch: Fusion oder Spondylodese, die einzige Möglichkeit, die Wirbelsäule zu stabilisieren: Nach Entfernung der verschlissenen Bandscheibe werden die betroffenen Wirbel über ein Schrauben-Stab-System fixiert und gefestigt. Zusätzlich wird zwischen den beiden Wirbelkörpern auf der Vorderseite ein Implantat gesetzt. Ziel: Die Wirbel sollen nicht mehr aufeinander reiben. Gängige Fusionsmaterialien sind zum Beispiel Titan, Schrauben und Platten.

Die verschraubten Wirbel schränken die Beweglichkeit der Wirbelsäule zum Teil erheblich ein und belasten benachbarte Wirbelsäulenabschnitte. „Ähnlich einem Dominoeffekt resultieren daraus weiter zunehmende Degenerationen an den benachbarten Etagen. So sind Folgeeingriffe für die Patienten oft die einzige Lösung“, so Dr. Copf. Dennoch kann die Stabilisierung für Patienten nach Mehrfachoperationen und mit einem Gleitwirbel die letzte Rettung bedeuten.

Gängige Methode ist es, von hinten an der Wirbelsäule zu operieren. Daraus resultiert in aller Regel eine große Rückenwunde.

Bandscheibenersatz

Bandscheiben-Prothesen ersetzen die alten Bandscheiben in der Lenden- wie auch in der Halswirbelsäule und sorgen wie bei der Fusion dafür, dass die Wirbel wieder ihren natürlichen Abstand zueinander annehmen. Künstliche Bandscheiben besitzen meist einen mobilen Kunststoffkern, der die Funktion des natürlichen Gallertkerns quasi nachahmt. Während der Operation wird mit einem zangenartigen Instrument die Höhe zwischen den zwei betroffenen Wirbeln eingestellt, die alte Bandscheibe wird entfernt, die passende Prothese in den Wirbelzwischenraum geschoben. Sofern alle Wirbelgelenke funktionstüchtig sind, kann mit einer künstlichen Bandscheibe die Segmentbeweglichkeit wieder hergestellt werden. Eine spezielle Beschichtung der Bandscheibe sorgt dafür, dass sie innerhalb von drei Monaten fest in den Wirbelknochen einwächst.

Implantate werden verwendet, um verschleißbedingte Veränderungen, Höhenverluste und Instabilität der Wirbelsäule zu korrigieren und stabilisieren.

Operiert wird minimalinvasiv von vorn über den Bauchraum.

Dr. Copf: „Es ist nicht damit getan, einfach eine Prothese einzusetzen. Man kann nicht einfach so tun, als würde man die Wirbelsäule versteifen wollen, nur dass man ein nicht bewegliches Implantat durch ein bewegliches ersetzt. Die Wiederherstellung der Bewegung verlangt dem Chirurgen ein tiefes Verständnis über die Bewegungsgesetze eines solchen Wirbelgelenkes ab und viel operative Erfahrung … Ist das nicht gewährleistet, kommt es zu einer Art ‚falschen Bewegung‘, auf die der Körper selbst innerhalb kurzer Zeit ... antwortet: Er steift das betreffende Segment ein. So gesehen ist der Einsatz einer Prothese ohne Beachtung der richtigen Wiederherstellung der Bewegungsfunktion nicht wirklich besser als eine Versteifung."


Quellen:

action-meditech.de: Haltung annehmen! Künstliche Bandscheiben helfen bei Wirbelsäulendegeneration, Newsletter September 2007

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