Nicht immer ist es die Bandscheibe
KREUZSCMERZEN Ursache der Beschwerden ist oft ein verengter Wirbelkanal. Dr. Sommer erklärt, wie die moderne Medizin hilft

Dr. Frank Sommer (44), Neurochirurg
- Tätigkeit Er war Oberarzt in der Neurochirurgischen Klinik Vogtareuth (Bayern), arbeitet jetzt als Neurochirurg in einer Praxisklinik in München.
- Schwerpunkte Operationen an den Bandscheiben. Er ist auch Spezialist für minimal-invasive Eingriffe vor allem am Rücken, Mikrochirurgie und X-Stop-Technik
Vor allem ältere Menschen leiden häufig unter einem verengten Wirbelkanal. Was muss man sich darunter vorstellen, Dr. Sommer? Der Wirbelkanal liegt auf der Hinterseite der
Wirbelsäule. Er wird von den Wirbeln und den knöchernen
Wirbelbögen gebildet. Durch ihn verläuft das Rückenmark mit vielen wichtigen Nerven. Diese sind vor allem für Bewegung und Gefühl in den Beinen zuständig. Der Kanal kann durch Abnutzung und Verschleiß eingeengt werden. Dadurch entsteht ein immer stärkerer Druck auf die Nerven.
Wie kommt es dazu?
Durch das Alter und jahrelange starke Belastung verlieren die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern ihre Elastizität und werden dünner. Die Abstände zwischen den Wirbeln verringern sich. Das belastet die Verbindungsstellen und Gelenke zwischen den Wirbeln. Um sie zu stabilisieren, bildet der Körper neues Knochen- und Bindegewebe. Dieses kann in den Wirbelkanal hineinwachsen und seinen Durchmesser um die Hälfte verringern. Das macht Druck auf die Nerven.
Wie viele Menschen haben dieses Leiden?
Etwa jeder dritte Mensch über 60 Jahre hat einen verengten Wirbelkanal. Jeder zweite von ihnen klagt über massive
Diagnose Dr. Sommer zeigt einer Patientin Kernspinaufnahmen ihrer Wirbelsäule
Welche Beschwerden verursacht ein verengter Wirbelkanal?
Die Patienten haben Schmerzen im Rücken und in einem oder beiden Beinen. Beim Laufen tut es ihnen so weh, dass sie sich oft schon nach hundert Metern mit
dem Oberkörper vorbeugen oder hinsetzen müssen. Dadurch wird der Wirbelkanal gestreckt. Das entlastet die bedrängten Nerven. Auch im Liegen bessern sich die Beschwerden. Typisch ist ebenfalls, dass das Gehen Probleme macht, aber Radfahren nicht. Denn dabei beugt man sich automatisch vor.
Untersuchung Nach der Operation tastet Dr. Sommer den Rücken ab - alles okay
Ja, die Beschwerden sind ähnlich. Bei der Schaufensterkrankheit entstehen sie aufgrund von Durchblutungsstörungen in den Beinarterien. Die Patienten müssen zwischendurch stehen bleiben. Allein durch Ruhe vergeht der Schmerz.
Wie stellt der Arzt fest, ob der Wirbelkanal verengt ist?
Für die Diagnose sind drei Dinge wichtig: Das ist einmal eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte. Wo genau tut es weh? Was lindert die Beschwerden? Dazu kommt eine körperliche Untersuchung, z. B. das Abtasten der Wirbelsäule. Eine Kernspintomografie schließlich macht die Engstelle deutlich sichtbar, zeigt, wo und wie ausgeprägt sie ist.
Erklärung An einem Wirbelsäulen-Modell zeigt Dr. Sommer, an welcher Stelle der Wirbelkanal verengt ist
Nein, zunächst helfen noch Krankengymnastik, Schmerzmittel sowie Spritzen mit einem lokalen Betäubungsmittel und Cortison. Doch dauerhaft aufhalten lässt sich das Fortschreiten des Leidens leider nicht. Das heißt: Im Wirbelkanal wird es immer enger. Wenn die Schmerzen zu stark werden, muss operiert werden.
Ist das ein riskanter Eingriff?
Das war es früher. Da wurden ganze Wirbelbögen entfernt, um den Kanal zu erweitern und zu entlasten. Doch danach kam es durch eine großflächige Narbenbildung in den durchtrennten Rückenmuskeln oft. zu neuen Schmerzen. Heute operieren wir mikrochirurgisch und besonders schonend.
Wie funktioniert das?
Wir machen nur noch einen drei Zentimeter kleinen Hautschnitt und führen ein Röhrchen aus Kunst-Stoff ein. So wird die Rückenmuskulatur optimal geschont.Der Neurochirurg verwendet während des Eingriffes ein Mikroskop. Durch das Röhrchen führt er lange, feine Instrumente und erweitert den eingeengten Wirbelkanal mit der sogenannten X-Stop-Technik. Das überschüssige Knochengewebe wird vorsichtig abgetragen. 80 bis 85 Prozent der Patienten sind anschließend völlig schmerzfrei.
Wann ist man danach wieder fit?
Für etwa vier Wochen bekommen die Patienten ein angepasstes Kunststoffkorsett zur Stabilisierung. Nach zwei Wochen beginnt die Krankengymnastik mit Muskelaufbau und Bewegungstraining. Schon nach drei Wochen sind Schreibtischtätigkeiten und leichte körperliche Arbeiten wieder möglich. Nach sechs Wochen dürfen sie wieder mit Sport beginnen.
EXTRA-TIPP MEDIZIN
Wenn ein Vorbeugen des den lindert, ist die Diagnose klar Verengung des Wirbelkanals Info: Titan-Implantat

- Methode. Wenn Patienten rechtzeitig zum Arzt gehen und und die Verengung noch nicht zu weit fortgeschritten ist, kann in vielen Fällen ein besonders schonender und schneller Eingriff die Beschwerden beseitigen - die X-Stop-Methode. Dabei wird ein kleines Titan-Implantat zwischen die beiden Dornfortsätze auf der Rückseite der Wirbelsäule eingesetzt. Es drückt die beiden Knochenfortsätze dauerhaft auseinander. Das hat den gleichen Effekt wie das Vorbeugen des Oberkörpers. Die bedrängten Nerven bekommen wieder Platz, die Schmerzen gehen deutlich zurück oder verschwinden ganz.
- Vorteile. Bei diesem Eingriff muss der Wirbelkanal nicht geöffnet werden. Er dauert höchstens 30 Minuten und ist auch für ältere Menschen geeignet, denen man eine größere Operation nicht mehr zumuten kann.
