Schiedsrichter Kopf angeschraubt

Fast 50 Jahre lebte Karl E. mit einem gebrochenen Genick - Erst jetzt war die OP

25.04.2008 Fast 50 Jahre lebte Karl E. mit einem gebrochenen Genick - Erst jetzt war die OPSchiedsrichter Kopf angeschraubt! Aber er kann schon wieder lachen
01.jpgKarl E.s Röntgenbild (oben) zeigt, wie der Schädel mit den beiden oberen Halswirbeln verschraubt wurde. Die OP gilt als besonders schwierig weil die Schrauben weder Nerven noch Gehirn oder Blutgefäße verletzen dürfen (Zeichnung u.)
Bis Mitte Mai muss er sie noch tragen: die Halskrause, die seine Wirbelsäule vor unvorsichtigen Bewegungen schützt. Doch für Rentner Karl E. (72) ist das kein Problem. Denn die stabile Manschette aus Kunststoff, die jeder andere als lästig empfinden würde, erinnert ihn ständig an sein unbeschreibliches Glück. An das Glück, dass er 48 Jahre lang mit einem gebrochenen Genick überlebt hat, ohne eine Querschnittslähmung zu erleiden. 48 Jahre lang schwebte er in ständiger Gefahr, ohne etwas davon zu ahnen. Allein bei dem Gedanken daran läuft es Karl E.,der dreizehn Jahre lang als Schiedsrichter in der Bayernliga pfiff, heute noch nachträglich eiskalt den Rücken hinunter.
Doch jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Kurz nach Ostern wurde er endlich operiert. Nachdem drei Spezialisten den Eingriff wegen zu hoher Risiken abgelehnt hatten, griff Neurochirurg Dr. Samer Ismail (40) von der Praxisklinik Dr. Schneiderhan zum Skalpell. Vor vier Wochen befestigte er dem Ex-Schiedsrichter die oberen beiden Halswirbel mit sechs Titanschrauben am Schädelknochen. Der schwierige Eingriff gelang. Karl E. ist glücklich: "Ich kann es immer noch kaum fassen."
Der Tag, an dem sich Karl E. das Genick brach, war der 8. August 1960. „Ich fuhr als Beifahrer mit einem Arbeitskollegen auf der Landstraße Richtung Garmisch", erinnert sich der ehemalige Installateur. "Damals gab es noch keine Sicherheitsgurte. Plötzlich stießen wir mit einem entgegenkommenden Auto zusammen. Danach weiß ich nichts mehr."02.jpg
Schwer verletzt kam Karl E. in die Unfallklinik Murnau. Diagnose: Halswirbel gebrochen. "Ich wurde aber nicht operiert, sondern bekam für sechs Monate ein Gipskorsett," sagt er. "Das war schlimm genug. Es hat fürchterlich gejuckt und ich konnte mich bis zum Hals nicht bewegen. Ein Jahr hatte ich mit der Verletzung zu kämpfen. Doch dann ging es mir wieder gut. Ich konnte körperlich schwer arbeiten, Motorrad fahren und Fußball spielen. Später wurde ich sogar Schiedsrichter, habe es bis in die Bayernliga geschafft."
Probleme bekam der tapfere Karl erst vor zwei Jahren: "Da fingen die Rücken-und Nackenschmerzen an. Die Ärzte rieten mir zu einer Operation. Aber als sie meine Röntgenbilder sahen, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Keiner traute sich. Meine vorgeschädigte Halswirbelsäule war ihnen zu gefährlich."
Erst Neurochirurg Dr. Samer Ismail, der zu den fähigsten Wirbelsäulen-Operateuren Deutschlands gehört, wagte den komplizierten Eingriff: "Die alte Fraktur war instabil geworden. Die Knochen drückten schon auf die Nerven. Der kleinste Sturz und jede unbedachte, heftige Nackenbewegung hätte zu einer Querschnittslähmung und letztendlich zum Tod führen können. Ein Wunder, dass Herrn E. in dieser langen Zeit nichts passiert ist. Wir konnten ihm jetzt aber Halswirbel und Schädel mit Stäben, Platten und sechs Schrauben fixieren. Zwischen Nerven, Rückenmark und Blutgefäßen blieben uns dafür nur je drei Millimeter Platz für jede Schraube. Doch ich habe schon über 200 Patienten auf diese Weise erfolgreich operiert."
Nach dem sensationellen Eingriff kann Karl E. wieder lachen: "Einen alten Fußballer bringt so schnell nichts um."
Michael Timm
03.jpgDr. Samer Ismail untersucht die Wirbelsäule seines Patienten Karl E. Fotos: M. Timm
04.jpgNach der OP kann sich Karl E. schmerzfrei bewegen
Versteifungs-OP: Wann ist sie nötig?
05.jpgDr. Ismail: Experte für Wirbelsäulen-OPs
Kaum gibt es Probleme mit dem Rücken, sind die Bandscheiben schnell als Hauptschuldige ausgemacht. Besonders in der Halswirbelsäule und im Bereich der Lendenwirbel sind die Bandscheiben oft extremen Belastungen ausgesetzt, die sie mit der Zeit zerstören. Bei häufiger oder starker Beanspruchung kann sich die Bandscheibe vorwölben und auf die Nerven der Wirbelsäule drücken.
Es gibt aber auch viele Patienten, bei denen sich die Bandscheibe abnutzt, ohne dass sie jemals einen Vorfall erleiden. Die Bandscheibe wird durch den Verschleiß einfach zerrieben. Dann ist kein Puffer mehr zwischen den Wirbeln, und Knochen reibt auf Knochen. Die Betroffenen haben Schmerzen beim Stehen, Gehen und Sitzen. Andere Patienten leiden unter fortgeschrittenen Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule. Die Wirbelgelenke nutzen sich ab, Wirbel werden instabil und gleiten hin und her, was wiederum die Bandscheiben in Mitleidenschaft zieht. Wieder andere können vor Schmerzen kaum laufen, weil ihr Wirbelkanal schon stark verengt ist.
"Wenn in diesen Fällen alle konservativen und minimal-invasiven Behandlungsmethoden nicht weiter helfen, gibt es die Möglichkeit, die betroffenen Wirbel fest miteinander zu verbinden", erklärt Dr. Samer Ismail. "Der Neurochirurg nimmt dann oft eine Versteifungsoperation vor. Sie ist sowohl im Lendenwirbel- als auch im Halswirbelbereich möglich."
Die zerstörte Bandscheibe wird entfernt und durch Implantate aus Kohlenstoff (Karbon), Titan oder körpereigenem Knochenmaterial ersetzt. Dadurch wird die richtige Position der Wirbelkörper zueinander sichergestellt.
Diese Implantate sorgen dafür, dass die Wirbelkörper im richtigen Abstand und in der richtigen Stellung zueinander miteinander knöchern verwachsen. Um eine sichere Verschmelzung zu erreichen, stabilisiert der Arzt die betroffenen Wirbelkörper zusätzlich mit Titanschrauben und Metallstäben.
Dieser Eingriff verschafft auch dann Abhilfe, wenn selbst nach mehrfachen Wirbelsäulen- oder Bandscheibenoperationen immer noch chronische Rückenschmerzen bestehen.
Im Gegensatz zu früher haben moderne OP-Techniken dazu geführt, dass Patienten nach einer Stabilisierungs-Operation nur noch wenige Tage in der Klinik bleiben müssen. Schon nach ein bis zwei Wochen können sie leichte Bürotätigkeiten wieder aufnehmen. Mit stärkeren körperlichen Belastungen und Sport dürfen die Frischoperierten nach etwa sechs Wochen wieder vorsichtig beginnen. Dr. Ismail: "Die Beweglichkeit ist nur noch leicht eingeschränkt."

INFO
Weitere Infos:
Praxisklinik Dr. Schneiderhan, Eschenstr. 2, 82024 München-Taufkirchen, Tel. (089)614510-0, Internet: www.orthopaede.com

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