Arzt erklärt: "Es ist eine teuflische Kombination"
Münchner Spezialist Dr. Schneiderhan zur Schumi-Verletzung

Ein Ausschnitt aus einer Wirbelsäule mit einem Halswirbel im Querschnitt: An einer dieser drei Stellen hat sich Michael Schumacher bei seinem Crash verletzt
Lange hat er es dementiert, doch gestern gab Michael Schumacher erstmals zu, dass er sich bei seinem spektakulären Motorrad-Unfall im Februar Brüche an Kopf und Hals zugezogen hatte. Die Folgen davon haben ihm jetzt das Formel-1-Come-back zunichte gemacht.Schumi spricht von Nackenbeschwerden. Doch welche höllischen Schmerzen sich dahinter verbergen können und wie gefährlich diese Verletzungwirklich ist, erklärt der Münchner Orthopäde und Wirbelsäulen-Spezialist Dr. Reinhard Schneiderhan (48): "Der Nacken ist die empfindlichste Stelle eines Formel-1-Fahrers. Denn der Kopf kann nicht wie der restliche Körper am Sitz festgeschnallt werden. In jeder Kurve und bei jeder Bremsung zerren Kräfte am Hals des Rennfahrers, die einem Gewicht von bis zu 80 Zentnern entsprechen. Bei jeder Bodenwelle wird die Wirbelsäule mit ähnlich hoher Belastung zusammengestaucht. Kam es hier zu einem Bruch, wie Schumacher selbst mitteilt, ist ein Start in der Formel 1 nicht mehr möglich.
Da Schumacher am 11. Februar nach seinem Sturz bei Tempo 110 km/h schon nach fünf Stunden in der Klinik mit einer Halskrause wieder entlassen wurde, hält es Dr. Schneiderhan für wahrscheinlich, dass er sich eine so genannte Abrissfraktur des Dornfortsatzes eines Halswirbels zugezogen hat: "Bei diesem Unfall kommt es zu einer massiven Beugung des Kopfes nach vorne. Dabei entsteht ein extremer Zug auf die Kapseln der Wirbelgelenke. Die an den Dornfortsätzen angewachsenen Bänder und Sehnen werden so stark gedehnt, dass der Dornfortsatz bricht. Oft entsteht gleichzeitig eine hocheradige Stauchung der Wirbelkörper, die die dazwischen liegende Bandscheibe nach hinten presst. Es kommt also zusätzlich zu einem unfallbedingten akuten Bandscheibenvorfall. Beides wäre schon für sich allein hochgradig schmerzhaft. In Kombination ist das noch teuflischer."
Denn erst müssen sich die gedehnten Sehnen, Bänder und Kapseln langsam regenerieren. In dieser Zeit müssen die Muskeln geschont werden. Sie bilden sich dadurch schnell zurück. Es dauert mehrere Wochen, bis der Knochenbruch wieder verheilt ist. Noch im April gab Schumacher zu, dass er wegen der Nackenprobleme gerade mal Radfahren könne. Dr. Schneiderhan: "Selbst bei intensiver Physiotherapie ist die Nackenmuskulatur auch vier Monate später noch nicht in der Lage, die extremen Belastungen auszuhalten. Es kommt bereits im Training zu massiven Muskelverspannungen." Und die machen das Comeback unmöglich.
Michael Timm
