Starker Rücken durch sanftes Training


Jeder dritte Deutsche hat sie regelmäßig - das zumindest sagt die Statistik, denn Rückenschmerzen treten so häufig auf, dass Fachleute sogar von einer Epidemie sprechen. Jedes zweite Schmerzgefühl im Körper kommt vom Rücken. Auch die Krankschreibungen wegen Rückenschmerzen sind in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Bei der AOK sind sie die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Waren 1955 knapp 10 Prozent aller Krankschreibungen durch Rückenschmerzen begründet, lag der Anteil der wegen Rückenleiden krankgeschriebenen Patienten 2008 schon über 60 Prozent. Und so ist das bis heute. Die meisten Frührentner haben es ebenfalls im Rücken. Alles in allem kosten Rückenleiden den Staat pro Jahr 22 Milliarden Euro. Eine enorme finanzielle Belastung für die Gesellschaft also. Schon in den 1980er Jahren diagnostizierten Ärzte fünfmal häufiger Rückenschmerzen als vorher.
Yoga, Pilates und Nordic Walking
„Sanfte Trendsportarten wie Yoga, Pilates, Tai Chi oder Nordic Walking bieten vielen Menschen die Möglichkeit, die Muskulatur auf schonende Art und Weise zu trainieren", bestätigt Dr. Reinhard Schneiderhan, Wirbelsäulenspezialist und Orthopäde in München. Bei richtiger Ausführung eignen sich diese Trainingsformen auch für Menschen, die bereits unter Rückenproblemen leiden. Beim Training gilt: Sobald Schmerzen auftreten, sollten die Betroffenen die Übung auslassen.
Yoga - Entspannung für Körper und Geist
In Westeuropa steht Yoga vor allem für die körperlichen Übungen, die so genannten Asanas. Durch die bewusste Verbindung von Atmung und Bewegung entsteht ein inneres und äußeres Gleichgewicht. Regelmäßig durchgeführt, beugen Yoga-Übungen Rückenschmerzen vor, indem sie für Tiefenentspannung sorgen. „Aufgrund von Stress und Muskelverhärtungen entstehen oftmals Kopf-, Nacken- und Rückenbeschwerden", weiß Dr. Schneiderhan. Während der Asanas lösen sich viele Blockaden in diesen Bereichen. Allgemein fördert Yoga die Körperwahrnehmung und das Koordinationsvermögen und stärkt zudem die gesamte Muskulatur.
Pilates - Starkes Powerhouse stützt den Rücken In den 1920er-Jahren entwickelte Joseph Hubertus Pilates ein Körpertraining, das zur Verbesserung von Haltung und Konstitution dienen sollte.
Im Zentrum des nach ihm benannten Trainings, das unter anderem auch Elemente der rhythmischen Sportgymnastik, von Ballett-Tanzes und von Yoga aufgreift, steht das so genannte Powerhouse. Unter diesem Begriff verstand Pilates die Stützmuskulatur im unteren Bauchbereich, die einen maßgeblichen Einfluss auf Körperhaltung und Wirbelsäule nimmt. „Regelmäßiges Training stärkt die Bauch- und Rückenmuskulatur und sorgt somit für ein starkes Muskelkorsett", sagt Dr. Schneiderhan.
Tai Chi - Kampfkunst als Bewegungstraining Ursprünglich entstand das chinesische Schattenboxen als Kampfkunst, die zur Selbstverteidigung diente. Inzwischen erfreut sich die vereinfachte Form des Tai Chi nicht mehr nur im Herkunftsland China großer Beliebtheit, sondern hat auch Europa erreicht. Mit fließenden und streckenden Bewegungen schont Tai Chi den Rücken. „Dabei entstehen keine ruckartigen Bewegungen, die den Rücken oder die Gelenke belasten", bestätigt Dr. Schneiderhan. Da das Training Beweglichkeit und Körperhaltung verbessert, gelangen die Rückenmuskeln wieder in ihre natürliche Position und entspannen sich.
Nordic Walking - Laufen auf die sanfte Art
Als Ausdauersport stellt Nordic Walking eine gute Ergänzung zu anderen sanften Sportarten dar. Beim Training bringt die Laufsportart den gesamten Organismus in Schwung und kurbelt dadurch die Nährstoffversorgung an, auch im Bereich der Wirbelsäule. „Im Gegensatz zum Joggen schont diese sanfte Art des Laufens die Gelenke und eignet sich somit auch für ältere Menschen", erklärt Dr. Schneiderhan. Bei geringem Tempo kann Walking sogar während einer Rehabilitation ausgeübt werden.
Sind wir Hypochonder? Mittlerweile belegen zahlreiche Studien, dass der Anstieg der Rückenschmerzen mehr auf den medizinischen Umgang mit der Krankheit durch Ärzte und Patienten zurückzuführen ist als auf das eigentliche Leiden. Sicher ist unsere Gesellschaft auch bequemer geworden, wenig Bewegung und eine rückenfeindliche Lebensweise lässt sich in den Industrieländern zunehmend feststellen. Man erkennt aber heute auch immer deutlicher den Zusammenhang zur Psyche: Der Rückenschmerz ist in 40-50 % der Fälle nicht auf einen eindeutig feststellbaren rein körperlichen Befund zurückzuführen. Und Stress und Depressionen stehen als Auslöser für Rückenschmerzen hoch im Kurs. Dass Stress Rückenschmerzen verursacht, kann mehrere Gründe haben. Zum einen entspannt man sich nicht. Zum zweiten ist der Muskeltonus erhöht. Auch dann kann sich die Rückenmuskulatur nicht entspannen. Zum dritten macht Stress unzufrieden. Dadurch nimmt man schon kleinere Schmerzen und Beschwerden stärker wahr.
