Moderne Therapien für den Rücken

29.09.2009
00.jpgSchwachpunkt: Wenn die Rückenmuskulatur nicht ausreichend trainiert und gestärkt wird, können die Bandscheiben sich schneller abnutzen

Akuter Bandscheibenvorfall, chronische Schmerzen im Kreuz: Millionen Deutsche wissen, wie es ist, wenn man vor lauter Rückenschmerzen kaum noch laufen kann. „Das ist die häufigste Schmerzerkrankung überhaupt. 70 Prozent aller Deutschen leiden darunter, jeder Dritte sogar chronisch", sagt der Münchner Orthopäde und Wirbelsäulenspezialist Dr. Reinhard Schneiderhan (48).

Ursachen. In jeder Minute wird die Wirbelsäule belastet, gedrückt, muss Stöße aushalten. 100 Kilo lasten auf ihr im Stehen, 90 im Sitzen, 220 beim Bücken. Die Last drückt vor allem auf die Bandscheiben, die wie Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbelgelenken liegen. Sie sind enorm fest, gleichzeitig auch flexibel.
Zusätzlich stützen Muskeln das Rückgrat. Und genau hier lauert die Gefahr. Die meisten Menschen bewegen sich nicht ausreichend, sitzen zu viel. Folge: Die Rückenmuskeln verkümmern. Die Bandscheiben allein sind irgendwann der Belastung nicht mehr gewachsen. Es kommt zu Abnutzungserscheinungen. Schlimmstenfalls erfolgt die Diagnose »Bandscheibenvorfall«.

Hilfe. Noch immer werden jedes Jahr über 100000 Deutsche an den Bandscheiben operiert. Doch in vielen Fällen ist das gar nicht nötig. Dr. Schneiderhan: „Außerdem treten bei jedem dritten Patienten nach einer gewissen Zeit die gleichen Schmerzen wieder auf, weil Muskeln verletzt wurden oder sich Narbengewebe gebildet hat, das auf Nerven drückt." Durch eine sorgfältige Diagnose kann der Arzt herausfinden, ob die Bandscheiben wirklich Hauptursache der Schmerzen sind, ob ein echter Vorfall oder eine Vorwölbung vorliegt und ob diese dann auch tatsächlich schuld sind an den Beschwerden. Oft reicht es dann schon aus, nur den mechanischen Druck von den Nerven zu nehmen und Entzündungen an den schmerzleitenden Nerven zu behandeln. Manchmal werden die Schmerzen auch durch Verschleiß, Abnutzung und Arthrose an den kleinen Wirbelgelenken hervorgerufen.

Behandlung. Eine optimale Behandlung erfolgt schrittweise. Dr. Schneiderhan: „Wir beginnen mit konservativen Maßnahmen wie Physiotherapie und Wärme. Wenn das nach einigen Wochen keine spürbare Besserung bringt, kommen die neuen minimal-invasiven Techniken wie Laser oder Wirbelsäulenkatheter zum Einsatz. Für fast jeden Patienten gibt es heute geeignete Verfahren. Nur in schweren Fällen muss operiert werden. Das ist neuerdings äußerst schonend mit mikrochirurgischen Techniken möglich."

Methoden. Die neuen Behandlungsmethoden haben sich inzwischen international bewährt und stehen heute auch in Deutschland zur Verfügung. Dr. Schneiderhan erklärt die sechs wichtigsten neuen Therapien für Rücken-Patienten.


Anatomie des Rückens 01.jpg1.: Wirbelkörper. 24 freie Wirbel plus neun bis zehn zum Kreuz-/Steißbein verwachsene bilden die Wirbelsäule.

2.: Bandscheibe. Sie dient als Puffer zwischen zwei Wirbelkörpern, besteht aus einem Faserring und einem Gallertkern. Beim Vorfall (Pfeil) schiebt sie sich zum Rückenmark vor, drückt dort auf Nerven.

3.: Rückenmark. Es verläuft durch den Wirbelkanal. Im Inneren befindet sich eine graue Substanz, die aus eng aneinanderliegenden Nervenzellkörpern aufgebaut ist.

4.: Dornfortsatz. Er sitzt am hinteren Teil des Wirbelbogens und dient den Muskeln als Hebel zum Bewegen der Wirbelsäule.

02.jpg Der Experte Dr. Reinhard Schneiderhan (48), Rückenspezialist aus München
  • Tätigkeit. Der Orthopäde leitet eine Praxis-Klinik für Wirbelsäulen-Schmerzpatienten in München.
    Er ist Präsident der Deutschen Wirbelsäulenliga
  • Schwerpunkte. Sein Spezialgebiet sind minimal-invasive Behandlungen von Bandscheiben- und Wirbelsäulenpatienten. Einige Methoden hat er selbst entwickelt

1. Laser-Verfahren

Licht schmilzt den Schmerz weg
Wenn die Schmerzen auf die Wirbelsäule begrenzt sind und nicht oder nur wenig in Arme oder Beine ausstrahlen, können Bandscheibenvorfälle mit dem Mikrolaser behandelt werden. Dabei wird das vorgequollene Stück Bandscheibe mit einer Laserfaser verdampft.

Verfahren. 03.jpgDie Laser-Faser ist nur 0,2 Millimeter dünn - so wie drei menschliche Haare. Deshalb spricht man auch vom Mikrolaser. Vor dem Eingriff bekommt der Patient eine örtliche Betäubimg und eine schonende Dämmerschlaf-Narkose. Dann führt der Arzt die Laserfaser unter Röntgenkontrolle vorsichtig über eine Kanüle durch die Haut bis direkt in die Bandscheibe vor. Wenn sie an der richtigen Stelle liegt, wo der Bandscheibenkern aus dem Faserring herausgequollen ist, löst er die Laserimpulse aus.

Wirkung. Diese wirken gleichzeitig auf vier verschiedene Arten: Sie lassen das Bandscheibengewebe schrumpfen, schalten Schmerznerven aus, unterbrechen die Weiterleitung von Schmerzsignalen an das Gehirn und verschließen kleine Einrisse im
Faserring. Das macht die Bandscheibe stabiler.

Vorteile. Der Laser schont das Gewebe, es fließt kein Blut. Der Eingriff dauert ca. 60 Minuten. Die Patienten können schon bald wieder leichte körperliche Tätigkeiten ausüben.



2. Mikro-Therapie

Hohlschraube schont Muskeln
Bei schweren Bandscheibenvorfällen muss meistens operiert werden. Das geht heute schonend mit der Mikro-Therapie.

04.jpg Unterschied. Beim herkömmlichen Eingriff durchtrennt der Arzt Muskeln, um mit seinen Instrumenten an den Bandscheibenvorfall zu gelangen. Durch die Muskelschäden geht aber häufig die Stabilität des gesamten Rückens verloren. Oft bilden sich auch Narben, die zu neuen Beschwerden führen. Mithilfe einer Art Hohlschraube ist es jetzt möglich, schonend zu operieren.

Technik. Der Arzt macht nur einen kleinen Schnitt, dreht darüber die Schraube vorsichtig durch die Muskelfasern, ohne diese zu verletzen. Die Schraube bildet einen kurzen und schmalen Kanal ins Körperinnere. Durch diesen kann der Arzt feinste Instrumente einführen, mit denen er das herausgetretende Gewebe abschneidet. Das gesamte Operationsfeld und die einzelnen Schritte werden durch ein Mikroskop kontrolliert.

Vorteile. Die Ergebnisse der Mikro-Therapie sind wesentlich besser als die der bisher üblichen Methoden. Sie kommt für Bandscheibenvorfälle infrage, bei denen nur noch eine Operation helfen kann. Das heißt, wenn alle anderen Maßnahmen nichts bewirkt haben oder beim Patienten bereits Lähmungen aufgetreten sind.



3. Züchtung im Reagenzglas

Bandscheiben aus dem Labor 05.jpgManchmal verursachen Bandscheibenvorfälle immer wieder erneut höllische Schmerzen. Wenn es dann auch nach Operationen zu Rückfällen kommt, hilft eine neue Behandlungsmethode: Ärzte können neue Bandscheibenzellen züchten und in die Wirbelsäule einsetzen.

Vorgehensweise. Dazu entnehmen sie zunächst dem Patienten mit einer dünnen Kanüle eine winzige Menge Bandscheibengewebe und schicken es an ein Biotech-Labor. Dieser Eingriff unter leichter Dämmerschlaf-Narkose wird ambulant durchgeführt. Spezialisten isolieren die Zellen aus dem eingeschickten Gewebe und züchten daraus im Reagenzglas neue Zellen.

Transplantation. Nach etwa drei Monaten haben sich die Zellen so vermehrt, dass genügend neues Bandscheibengewebe zur Verfügung steht. Dieses injiziert der Arzt unter Röntgenkontrolle und örtlicher Betäubung über eine Kanüle direkt in den betroffenen Bandscheibenkern. Der Patient darf 24 Stunden nicht aufstehen. So lange brauchen die Zellen, um sich in der Bandscheibe festzusetzen. Dort vermehren sie sich weiter. Sie wirken schließlich wie eine neue Bandscheibe. Ihre Funktion wird wiederhergestellt, eine weitere Abnutzung verhindert. Die Schmerzen sind dann weg.



4. Kompletter Ersatz

Eine Prothese aus Titan
Bei massiven Bandscheibenschäden hilft oft nur noch eine Maßnahme: Der Arzt muss die kaputte Bandscheibe komplett entfernen. Damit die Wirbelkörper darüber und darunter nicht übereinandergleiten und den Rücken instabil machen, war es bisher nötig, sie per Versteifung miteinander zu verbinden. Der Nachteil: An dieser Stelle ist die Wirbelsäule nicht mehr beweglich.

Implantat. Diese Versteifung lässt sich mittlerweile in jedem zweiten bis dritten Fall durch das Einsetzen einer künstlichen Bandscheibe vermeiden.
Sie besteht aus zwei runden Titanplatten oben und unten, dazwischen liegt ein stabiler Kunststoffkern.

Eingriff. Das Implantieren dieser künstlichen Bandscheibe erfolgt mikrochirurgisch. Der Operateur blickt während der gesamten Operation durch ein Mikroskop. Dadurch kann er Strukturen wie Nerven und Gefäße erkennen, die man mit bloßem Auge sonst nicht sieht. Zunächst macht er einen nur wenige Zentimeter kurzen Schnitt, durch den er den Bandscheibenersatz zwischen die Wirbelkörper setzt. Diese Operation ist an der Lenden- und der Halswirbelsäule möglich. Gerade dort wäre eine herkömmliche Versteifung besonders schwierig.

Vorteile. Die Beweglichkeit der Wirbelsäule bleibt erhalten. Die Erfolgsrate der Methode liegt bei über 90 Prozent.



5. Schmerzspritze

Computer sucht die richtige Stelle
Eine vorgewölbte Bandscheibe drückt auf Nervenwurzeln. Dadurch kommt es zu schmerzhaften Reizungen und Entzündungen. Da hilft oft schon eine Spritze.

Schwierigkeit. Wichtig ist, dass der Arzt dabei die richtige Stelle trifft. Das ist gar nicht so einfach, denn Nervenwurzeln liegen tief unter der Haut neben dem Rückenmarkskanal und sind durch den komplizierten Bau der Wirbelsäule meistens nur schwer zu erreichen. In vielen Fällen hat der Arzt nur wenige Millimeter Spielraum, um den Weg zwischen Knochen und Querfortsätzen der Wirbelkörper bis zur Nervenwurzel zu finden. Genau hier muss er das schmerzstillende und entzündungshemmende Mittel spritzen.

Lösung. Heute kann man mit hilfe einer Computertomografie genau die Einstichstelle, den Winkel und die Tiefe errechnen. Gelangen die Medikamente dorthin, sind die Patienten schnell schmerzfrei.



6. Wirbelsäulen-Katheter

Bandscheibe schrumpft
Besonders hartnäckige Schmerzen durch einen Bandscheibenvorfall, die oft auch in Arme oder Beine ausstrahlen, kann der Arzt mit dem Wirbelsäulen-Katheter deutlich lindern oder sogar komplett stoppen.

Methode. Der Patient bekommt eine örtliche Betäubung. Dann schiebt der Arzt den dünnen Katheter unter Röntgenkontrolle über eine Einstichstelle durch das Innere der Wirbelsäule neben dem Rückenmarkskanal exakt bis an die Schmerzstelle vor. Über den Katheter injiziert er ganz gezielt verschiedene Medikamente.

Mittel. Dabei handelt es sich um schmerz- und entzündunghemmende Mittel sowie konzentrierte Kochsalzlösung. Die Wirkung: Das vorgefallene Bandscheibengewebe schrumpft, Entzündungen bilden sich zurück, Schmerzen verschwinden. Vorteil gegenüber der CT-gesteuerten lnjektion: Der Katheter bleibt drei Tage liegen. Der Arzt kann die Medikamente bei Bedarf nachspritzen.

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