Neue Therapie rettet gebrochene Wirbel

Sie war ein Opfer des kalten Winters. Ein Opfer von klirrendem Frost, spiegelglatten Wegen und Blitzeis. Als Elisabeth S. (68) aus dem Supermarkt kam. stürzte sie auf dem gefrorenen Gehweg. Zwar konnte sie wieder aufstellen und ihren Korb nach Hause tragen. Außer einer Prellung und ein paar blauen Flecken war scheinbar nichts passiert

26.01.2010
06.jpgKnochendichtemessung per Computertomographie: Radiologin Dr. F. Drescher untersucht eine Patientin
Doch als sich die Rentnerin zwei Tage später nach dem Duschen den Rücken abtrocknen wollte, knackste es plötzlich im Kreuz. Ein höllischer Schmerz fuhr ihr durch die Wirbelsäule, Jeder Schritt wurde plötzlich zur Qual. Mit Mühe schleppte sich die Münchnerin zum Arzt. Ein Röntgenbild ergab: Zwei Wirbelkörper waren gebrochen! Kein Wunder, dass sie sich vor Rückenschmerzen kaum noch bewegen konnte.
Bei einer Computertomographie entdeckte der Arzt auch die Ursache für den Bruch: „Sie leiden unter Osteoporose, musste er der erschrockenen Frau mitteilen. „Ihre Knochensubstanz ist bereits stark vermindert“ Dann verschrieb der Doktor seiner Patientin Schmerzmittel, Calziumpräparate und Krankengymnastik. „Falls das alles nicht hilft", so der Arzt, „bleibt nur noch eine Operation. Ihre "Wirbelsäule muss dann versteift werden.“
Wie bei vielen älteren Menschen schien der Arzt recht zu behalten. Denn auch nach fünf Wochen hatten sich die starken Schmerzen nicht gebessert.
Doch eine komplizierte- Rücken-OP kam für die Witwe wegen einer fortgeschrittenen Arterienverkalkung und Herzproblemen nicht infrage.
Dass sie sich heute wieder schmerzfrei bewegen kann, verdankt Elisabeth S. einer neuen Methode, Neurochirurg Dr. Frank Sommer (47) von der Praxisklinik Dr. Schneiderhan injizierte ihr flüssigen Knochenzement und rettete damit die beiden gebrochenen Wirbel.
Wie diese Therapie ganz ohne Schnitt und Operation funktioniert, erklärt er so:
05.jpgNeurochirurg Dr. Frank Sommer zeigt das Ballonnetz mit dem Knochenzement
"Durch eine dünne Kanüle führen wir unter Dämmerschlafnarkose und ständiger Röntgenkontrolle eine Ballonsonde in die gebrochenen Wirbelkörper ein und richten sie durch ein Aufblasen des Ballons wieder auf. Anschließend spritzen wir flüssigen Knochenzement in den entstandenen Hohlraum ein und machen den Wirbelknochen dadurch wieder stabil."
Ganz neu ist diese Technik nicht. Allerdings konnte es bisher dabei zu Komplikationen kommen, wenn der Zement in den Wirbelkanal oder das umgebende Gewebe austrat und neue Beschwerden hervorrief. Doch das lässt sich jetzt verhindern.
„Wir injizieren den Zement heute in eine netzartige Umhüllung, die wir vorher durch eine Kanüle in den eingebrochenen Wirbelkörper eingebracht haben und die ihn von innen auskleidet", erklärt Dr. Sommer. „Dieses Netz aus einem Spezialkunststoff ist so konstruiert, dass der Zement nicht durch seine Maschen treten kann. Im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren verbleibt das zementgefüllte Netz im Wirbel. In nur wenigen Minuten härtet der Knochenzement aus. Meist verschwinden die Beschwerden schon wenige Stunden später.“
Als Elisabeth S. aus der Narkose erwachte, war der Zement bereits hart und ihre Wirbelsäule wieder stabil. Schon einen Tag später hatte sie keine Schmerzen mehr.
01.jpgSo gelangt das Ballonnetz mit dem Zement ohne OP in den Wirbelkörper

Inzwischen schafft sie sogar die Treppen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock wieder mühelos und vor allem ohne Schmerzen.
„Gebrochene Wirbelkörper durch Knochenschwund oder auch durch Unfälle sind zu einer heimlichen Volkskrankheit geworden", erklärt Rückenspezialist Dr. Reinhard Schneiderhan (49). „Etwa sieben Millionen Deutsche leiden unter Osteoporose. Jede zweite Frau über 50 und jeder fünfte Mann über 60 sind von dem schleichenden Knochenabbau betroffen. Rund 2,4 Millionen Osteoporose -Patienten erleiden pro Jahr in Deutschland Wirbelkörperbrüche. Oft merken die Betroffenen gar nichts davon. Aber irgendwann entstehen dann Rückenschmerzen. Deshalb muss der Arzt bei länger anhaltenden Beschwerden immer auch an diese Möglichkeit denken, eine Röntgenaufnahme und im Verdachtsfall eine Computertomographie veranlassen. Bei dieser Computertomographie können wir auch gleich die Knochendichte bestimmen."
Die Behandlung mit dem Knochenzement nimmt den Betroffenen nicht nur die Schmerzen, sondern schützt auch vor erneuten Wirbelbrüchen und beugt einer Verformung der Wirbelsäule vor.
Erfreulich: Die Krankenkassen übernehmen die Kosten der neuen Therapie in vollem Umfang, wenn eine stationäre BeHandlung medizinisch begründet ist.
Michael Timm

Gymnastik für die Knochendichte

07.jpgRückentraining auf dem Pezzi-Ball: Der Physiotherapeut kontrolliert die Haltung seiner Patientin

Bewegung, körperliche Belastung und Sport können nicht nur die Muskeln trainieren, sondern auch die Knochen stärken. Wer rechtzeitig damit beginnt, kann eine Osteoporose sogar verhindern. „Doch auch, wenn die Knochendichte schon vermindert oder eine Osteoporose bereits eingetreten ist, lässt sich die Knochendichte durch regelmäßige und gezielte Übungen wieder erhöhen", sagt Orthopäde und Osteoporose-Spezialist Dr. Alexander Sigel. „Die Knochen werden dadurch wieder fester. Gleichzeitig kann das Training das Sturzrisiko und damit die Gefahr von Knochenbrüchen reduzieren.“
Wissenschaftlich bewiesen Kenntnisse spätestens seit den vielen Versuchen in der bemannten Raumfahrt. Früher kehrten die meist jungen und durchtrainierten Astronauten mit einer deutlich verminderten Knochendichte aus dem Weltraum zurück.Der Grund: In der Schwerelosigkeit wurden ihre Knochen überhaupt nicht belastet.
04.jpgAufrecht sitzen, kräftig ziehen: Schulter- und Rüchentraining
Erst als sie begannen an Bord der Raumstationen gezielt zu trainieren und beispielsweise festgeschnallt auf einem Fahrradergometer in die Pedale zu treten, ließ sich der Verlust von Knochenmasse aufhalten. Daraus hat die moderne Medizin gelernt. Je stärker man Muskeln und Knochen belastet, desto stabiler wird die Festigkeit der Knochen.
Moderne Trainingsinstitute wie das Wirbelsäulenzentrum in München-Taufkirchen (www.wsz-muc.de) setzen für ihr spezielles Anti Osteoporose-Training neben herkömmlichen Übungen auch, Vibrations-Training auf Power-Plate-Geräten ein. „Dabei werden 97 Prozent aller Muskeln aktiviert", erklärt Dr. Sigel. „Bei herkömmlichem Training sind es nur 40 Prozent."
Ebenfalls gut geeignet zum Aufbau von Knochensubstanz sind Übungen mit dem Flexi-Bar-Schwingstab.








03.jpgPowerplate-Vibrationstraining erhöht die Knochendichte
02.jpgÜbungen mit dem Schwingstab (Flexi-Bar) stärken die Knochen


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