Die große Rücken-Sprechstunde

14.07.2010 01.jpgDiese fünf Therapien sollten sich Patienten auf die Fahne schreiben Wichtig: bei Schmerzen schnell gegensteuern

Deutschland ist Europameister! Nicht im Fußball, sondern beim Rückenschmerz. 70 Prozent der Bundesbürger leiden jedes Jahr darunter, bei 15 Millionen ist er chronisch. Das ergab kürzlich eine Umfrage der Europäischen Chiropraktiker Union in England. Jeder zweite Arztbesuch und jede dritte Krankschreibung gehen hierzulande auf das quälende Ziehen im Kreuz zurück. Das verursacht jährlich Kosten von 50 Milliarden Euro, so das Helmholtz Zentrum in München.
Ein Vermögen. Aber ist es gut angelegt? Eher nicht. Zum Beispiel nehmen teure Eingriffe an den Bandscheiben oder der Lendenwirbelsäule seit Jahren zu. „Das liegt zum Teil daran, dass wir mehr ältere Patienten haben", so Dr. Reinhard Schneiderhan, 49, Präsident der Deutschen Wirbelsäulenliga in München. „Fakt ist aber auch: Es wird zu oft und zu schnell operiert." Also: Geld verschwendet. Prof. Gerd Glaeske, 64, Gesundheitsökonom der Universität Bremen, geht noch weiter: „Es gibt kein umfassendes Versorgungskonzept für Menschen mit chronischen Rückenschmerzen", kritisiert er.

Der Chirurg

Dr. Reinhard Schneiderhan, Facharzt für Orthopädie in München und Präsident der Deutschen Wirbelsäulenliga
02.jpgErschreckende Zahlen - doch mit einer geeigneten Therapie können viele das Etikett "Rückenpatient" loswerden
In Deutschland wird zu oft und zu schnell an der Wirbelsäule operiert. So ein Eingriff ist erst nötig, wenn konservative Methoden wie Muskeltraining allein z.B. ein Wirbelgleiten nicht ausgleichen können oder es zu neurologischen Ausfallerscheinungen wie Lähmungen und Missempfindungen kommt. Auch Tumore müssen operiert werden. Dabei sollte möglichst immer ein minimalinvasives verfahren eingesetzt werden. Die Wirbeisäule ist ein geniales Werk der Natur, dem man sich schonend nähern und von dem man viel erhalten sollte. Das ist heute möglich: Einen Bandschetbenvorfall kann man etwa per Laser schrumpfen lassen, der durch eine 0,6 Millimeter feine Hohlnadel eingeführt wird. Ähnlich schonend kann man durch einen Katheter einen hochwirksamen Medikamenten-Cocktail gezielt platzieren oder mit einer Mini-Hitzesonde Schmerzfasern unterbrechen. Glücklicherweise nimmt die Zahl der Kliniken und Orthopäden zu, die diese Techniken einsetzen. Die Risiken sind deutlich geringer als bei Operationen am offenen Rücken. Patienten sollten sich aber vorher informieren, wie lange eine Methode schon eingesetzt wird und wie viel Erfahrung ihr Chirurg damit hat. Leider existieren in Deutschland erst wenige Rücken-Zentren, in denen man fächerübergreifend zusammenarbeitet - doch genau so eine integrierte Versorgung ist wichtig.
FAZIT: Erst wenn konservative Methoden nicht helfen oder neurologische Störungen auftauchen, ist eine - mini mal invasive - OP nötig.

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