Schmerzfrei auf Knopfdruck

Chronische Rückenschmerzen: Ein Schrittmacher schaltet Nervenimpulse aus

05.08.2010
01.jpgDer Schmerz-Schrittmacher (u. li.) leitet über zwei Elektroden elektrische Impulse an das Rückenmark
Den schweren Unfall, der ihr vor genau zwei Jahren im August passierte, wird sie vergessen: Ein entgegenkommender Wagen, der auf der Landstraße plötzlich ausscherte und frontal auf sie zuraste, zwang Anneliese Niederreiner (49), das Steuer nach rechts zu reißen und in ein Feld auszuweichen. Die Frau überschlug sich und wachte erst wieder auf, als zwei Helfer sie aus dem zerstörten Wrack zogen.
„Dabei hatte ich schon unbeschreiblich viel Glück“, sagt die Mitarbeiterin der Finanzamts-Verwaltung. „Nur 20 Zentimeter bin ich an einem Baum vorbeigeschrammt. Sonst wäre ich wohl tot. Aber so diagnostizierten die Ärzte in der Klinik lediglich Prellungen und Schürfwunden. Da war ich dem lieben Gott schon sehr dankbar.“
Ganz so harmlos verlief der Unfall aber trotzdem nicht. Die Probleme begannen ein paar Tage später. Zwar erholte sich Anneliese Niederreiner langsam von dem psychischen Schock, den der Unfall hinterließ: „Aber jetzt tat mir der Rücken weh.“

Als die Schmerzen an der Wirbelsäule immer schlimmer wurden, ging Anneliese Niederreiner zum Arzt: „Er sagte, ein Brustwirbel hätte sich verschoben und gab mir Spritzen und Medikamente.“ Doch die Schmerzen wurden nicht besser. Im Gegenteil: „Im Haushaltt schaffte ich immer weniger, nicht mal die einfachsten Arbeiten waren möglich. Tagsüber konnte ich kaum noch sitzen und nachts nicht mehr schlafen. Die ständigen Rückenschmerzen brachten mich zur Verzweiflung. An meine Arbeit im Finanzamt war überhaupt nicht mehr zu denken.“

02.jpgDr. Samer Ismail (li.) und Dr. Schneiderhan freuen sich mit Patientin Anneliese Niederreiner über die erfolgreiche Therapie
Anneliese Niederreiner musste viermal am Tag schwere, morphiumhaltige Schmerzmittel nehmen. Dreimal in der Woche ging sie zum Arzt, der ihr weitere Spritzen gab und versuchte, die Wirbelsäule einzurenken. Doch nichts von alledem half. Ein zweiter Orthopäde behandelte die Frau schließlich mit einem Wirbelsäulenkatheter. Doch selbst diese moderne Operation half ihr nicht. „Da überwies mich der Arzt in die Praxisklinik von Dr. Schneiderhan“, sagt Anneliese Niederreiner. „Ich wurde erneut eingehend untersucht, weil meine Schmerzen jetzt chronisch waren. Da schlug mir Neurochirurg Dr. Samer Ismail vor, einen Schmerz-Schrittmacher einzusetzen.“ Frau Niederreiner stimmte sofort zu. Schließlich hatte sie nichts mehr zu verlieren. Das war ihre Rettung: „Am 17.März 2010 bekam ich in der Klinik zunächst nur versuchsweise zwei Elektroden an die Wirbelsäule implantiert um zu sehen, ob es bei mir auch funktioniert. Das Schrittmachergerät trug ich noch außerhalb des Körpers an einem Gürtel. Der Erfolg war verblüffend. Meine Schmerzen ließen tatsächlich deutlich nach, es war eine unglaubliche Erleichterung.“

03.jpgLinks: Endlich schmerzfrei: Anneliese Niederreiner mit Dackel Purzel. Rechts: Mit der Fernbedienung schaltet Anneliese die Schmerzen aus
Deshalb setzte Neurochirurg Dr.Ismail der Patientin in einem zweiten Eingriff das Schrittmachergerät an der linken Bauchseite in das Unterhautfettgewebe ein. Am 26. März konnte Frau Niederreiner die Klinik wieder verlassen: „Seitdem habe ich kaum noch Schmerzen. Mein Leben macht mir endlich wieder Freude. Und bald kann ich sogar wieder zur Arbeit gehen.“

Dr. Ismail erklärt, wie der Schmerz-Schrittmacher funktioniert: „Wir pflanzen einen Neurostimulator ein, der bei bestimmten Arten von chronischem Schmerz das Rückenmark über Elektroden stimuliert. Dieses Gerät funktioniert ähnlich wie ein Herzschrittmacher. Es erzeugt schwache elektrische Impulse und leitet sie an das Rückenmark. Diese Impulse überdecken den Schmerz durch ein kribbelndes Gefühl und schalten ihn auf diese Weise aus.“ Um diesen Effekt zu erreichen, ist das Gerät dauerhaft eingeschaltet. „Durch eine Fernbedienung kann die Patientin die Impulse je nach Bedarf verstärken oder abschwächen“, sagt Klinikchef Dr. Schneiderhan.
„Und beim Autofahren oder bei elektronischen Sicherungssystemen in Kaufhäusern kann sie es sogar vorübergehend mit Hilfe eines Magneten von außen ganz aus- und später wieder einschalten.“ Die Kosten der neuen Methode werden auf Antrag auch von vielen Krankenkassen übernommen.

Anneliese Niederreiner kann ihr Glück kaum fassen: „Nach zwei Jahren Dauerschmerzen hatte ich fast schon jede Hoffnung verloren. Doch jetzt kann ich meine Schmerzen praktisch auf Knopfdruck ausschalten. Dafür bin ich den Ärzten unendlich dankbar.“

So funktioniert der Schmerz-Schrittmacher

05.jpgNeurochirurg Dr. Ismail bei einem Rückeneingriff
Korrekt bezeichnet heißt die Methode rückenmarksnahe elektrische Stimulation, Fachleute nennen sie auch SCS (Spinal Cord Stimulation). Im Prinzip funktioniert das so wie eine innerlich angewendete TENS- Therapie.„Ähnlich wie beim Wirbelsäulenkatheter pflanzen wir in die Nähe des Rückenmarks eine Elektrode ein“, erklärt Dr. Ismail. „Das dauert nicht mal eine Stunde. Es ist ein kleiner, minimal-invasiver Eingriff unter örtlicher Betäubung oder in kurzer Dämmerschlaf-Narkose. An diese Elektrode schließen wir den Nervenschrittmacher an, der genau so klein ist wie ein moderner Herzschrittmacher. Er liegt im Endeffekt knapp unter der Hautoberfläche, etwa 20 Zentimeter von der tiefer im Körperinneren gelegenen Elektrode entfernt. Der Schrittmacher lässt sich über einen Magnetschalter von außen ein- und ausschalten und in seiner Intensität regulieren. Der Patient spürt da, wo die Schmerzen auftraten, nur noch ein leichtes Kribbeln. Allein in Europa wurde die Methode bisher an 12 000 Patienten angewandt. Die Erfolgsrate liegt bei etwa 80 Prozent. Außer bei Nervenschmerzen wie bei Frau Niederreiner, kann der Schmerz- Schrittmacher auch bei Nervenwurzelreizungen, Phantom- oder Stumpfschmerzen, bei fortbestehenden Beschwerden nach Wirbelsäulen- Operationen, bei arterieller Verschlusskrankheit und bei Polyneuropathie (an mehreren Stellen vorhandene Nervenschmerzen) eingesetzt werden. Dr. Reinhard Schneiderhan erklärt die Wirkung so: „Wir erreichen damit eine deutliche Verminderung der Schmerzen. Für manche Patienten, die sich oft schon vergeblich einer OP unterzogen haben, ist diese Therapie der einzige Ausweg, um eine dauernde Medikamenteneinnahme zu vermeiden. Die Betroffenen müssen oft stärkste Schmerzmittel schlucken, die natürlich erhebliche Nebenwirkungen haben. Durch die Behandlung mit dem Schmerz- Schrittmacher kommen sie dann mit weniger und schwächeren Medikamenten aus. Das verbessert die Beweglichkeit und die Lebensqualität. Leichte körperliche Arbeiten und sogar viele Sportarten werden wieder möglich.“

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