03.11.2010
Ein schrecklicher Autounfall veränderte das Leben von Anneliese N. Die 49-Jährige hatte sich mit ihrem Wagen mehrfach überschlagen. Von den offensichtlichen Folgen dieses schweren Unfalls hatte sie sich recht bald erholt. Doch seitdem plagten die Finanzbeamtin aus der Nähe von München unerträgliche Rückenschmerzen.
Bei immer neuen Ärzten suchte Anneliese N. Hilfe
Doch keine der vielen Therapien, die sie über sich ergehen ließ, brachte den gewünschten Erfolg. Bis ihr in einer Münchener Klinik ein sogenannter Schmerzschrittmacher eingesetzt wurde.
"Leider brechen viele Mediziner nach erfolglosen Therapien die Behandlung ab und verabreichen ab letzte Möglichkeit starke Medikamente"

sagt der Neurochirurg Dr. Samer Ismail von der Praxisklinik Dr. Schneiderhan und Kollegen in München. Er hat Anneliese N. den Schmerzschrittmacher eingesetzt. Dieser Schrittmacher ist eine Alternative zu oft jahrelangem Schmerzmittelkonsum.
Das Gerät funktioniert im Grunde genauso wie ein Herzschrittmacher
Es gibt schwache elektrische Impulse an das Rückenmark ab. So unterbindet es die Weiterleitung der Schmerzen an das Gehirn. Solche Schmerzschrittmacher können bei Nervenschmerzen, Arthrose, chronischen Rückenschmerzen und auch bei Phantomschinerzen nach Amputationen eingesetzt werden. Statt der Schmerzen empfinden die Patienten dann nur noch das leichte Kribbeln der Stromimpulse.
Vor der Operation müssen Arzt und Patient gemeinsam den Schmerzherd genau lokalisieren
Anneliese N. litt an einer leichten Verengung des Wirbelkanals und der Vorwölbung einer Bandscheibe in der Blustwirbelsäule. Der Schrittmacher kommt aber auch für andere Arten von Rückenschmerz oder für Ischiasbeschwerden infrage. Dabei werden die Sonden des Geräts dann nicht am Rückenmark, sondern direkt am Ischiasnerv angesetzt.
Bei Anneliese N. setzte Dr. Ismail zwei Sonden an der Wirbelsäule ein
Die flexiblen Drähte werden auf der Rückenmarkshaut platziert. Dafür reicht eine örtliche Betäubung. Dann werden die Sonden an einen Impulsgeber angeschlossen, und die Patienten durchlaufen eine circa einwöchige Testphase. "Erst wenn es zu einer deutlichen Besserung und einer erheblichen Reduzierung der Schmerzen kommt, bereiten wir alles für die Operation vor", sagt der Neurochirurg.
Läuft der Test erfolgreich, wird der Schrittmacher in den Körper eingesetzt.
Er wird an der Bauchseite unter der Haut in einer Tasche implantiert. Dann stellt der Arzt das Gerät individuell auf die Intensität und Dauer der Schmerzen des Patienten ein.
In den ersten sechs bis acht Wochen nach der Operation sollten die Patienten körperliche Anstrengungen vermeiden
Danach hat sich das Implantat stabilisiert. Nach weiteren drei Monaten sitzt das Gerät fest und kann nicht mehr verrutschen. Nun ist für die Betroffenen meist wieder ein normales Leben möglich. "Die zu erwartende Schmerzminderung liegt bei 75 Prozent", sagt Dr. Ismail. Damit können sogar Patienten wie Anneliese N., die wegen ihrer Schmerzen arbeitsunfähig war, wieder ihrem Beruf nachgehen.
Der Schrittmacher gab der 49-Jährigen nicht nur ihre Beweglichkeit und Lebensqualität zurück
Durch die deutlich geringeren Schmerzen braucht Anneliese N. auch sehr viel weniger Medikamente. Das kommt ihrem gesamten Gesundheitszustand zugute.
Für ein unkompliziertes Leben mit dem Schmerzschrittmacher sorgt eine Art Fernbedienung

Der Impulsgeber (rechts oben) wird in den Körper eingesetzt. Über die Fernbedienung lässt sich das Gerät steuern
Dabei handelt es sich um einen handlichen Minicomputer, mit dem die Patienten das Gerät selbst steuern und an die Intensität ihrer Schmerzen anpassen können. Denn die Ursache der Schmerzen ist ja nicht beseitigt. Das Gerät überlistet nur das Gehirn. Vor körperlicher Anstrengung wie Spaziergängen oder Gartenarbeit erhöhen die Patienten die Stärke der Stromimpulse und unterdrücken so den Schmerz. Viele Patienten schalten das Gerät sogar nur bei Bedarf ein. Um den Schrittmacher zu steuern, wird die Fernbedienung einfach dort, wo der Impulsgeber sitzt, an den Bauch gehalten und der entsprechende Befehl gegeben.
Der Schrittmacher zieht seine Energie aus Batterien
Dank neuester Technologien müssen die nicht mehr getauscht, sondern können von außen aufgeladen werden. Erst nach acht bis zehn Jahren hat der Schrittmacher das Ende seiner Lebensdauer erreicht und muss ausgetauscht werden. Die Operation selbst ist mittlerweile Routine, und der Schmerzschrittmacher arbeitet ohne nennenswerte Nebenwirkungen. "Alles, was vorher nicht mehr möglich war, kann ich jetzt wieder machen. Ich gehe arbeiten und habe wieder Spaß am Leben", sagt Anneliese N.
So wird das Gehirn überlistet

Schmerzstimulatoren oder -schrittmacher gibt es schon seit mehr als 20 Jahren. Seitdem wurden sie aber immer weiterentwickelt. Sie bestehen aus zwei Teilen: dem Impulsgeber und ein oder zwei Elektroden. Vom Impulsgeber werden schwache elektrische Reize über die Elektroden an das Rückenmark abgegeben. Dort überlagern sie den Schmerzreiz, der dadurch vom Gehirn nicht mehr wahrgenommen wird. Ist der Stromreiz stärker als der eigentliche Schmerz, spüren die Patienten allenfalls ein leichtes Kribbeln. Dann können sie die Stromstärke an ihren aktuellen Schmerzverlauf anpassen.