"Rettung für meine Hände"
Jeder Handgriff war für Sandra (35) schmerzhaft. Eine kleine OP half

Sandra Hierl machte sich zuerst keine großen Sorgen, als sich Anfang 2009 die Finger ihrer rechten Hand plötzlich wie eingeschlafen anfühlten. „Ich legte die Hand für eine Weile auf die kühle Fensterbank, und das Taubheitsgefühl verschwand", erinnert sich die heute 35-jährige Münchenerin. Damit schien die Sache erledigt.
Links: Eng - Geschwollenes Gewebe drückt auf den Hand-Nerv. Rechts: Den Nerv entlasten - Bei der OP wird das Gewebe geöffnetDie gelernte Verkäuferin ging in die orthopädische und neurochirurgische Praxisklinik Dr. Schneiderhan in München. Die Diagnose des Arztes: Sandra Hierl litt unter einem sogenannten Karpaltunnelsyndrom (KTS).
„Es handelt sich dabei um einen Engpass des Hand-Mittelnervs", erklärt Neurochirurg Dr. Hartmut Neumann. „Der Nerv geht an der Innenseite des Handgelenks aus dem Handwurzelkanal (Karpaltunnel) in die Hohlhand. Bei einem KTS wird er an dieser Durchtrittsstelle von geschwollenem Gewebe eingeengt. Betroffene empfinden beim Beklopfen des Handgelenks über dem Karpaltunnel einen elektrisierenden Schmerz. Den endgültigen Beweis für ein KTS liefert die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Dazu wird der Nerv mit kurzen Stromimpulsen gereizt und die Zeit bis zur Muskelreaktion bestimmt."
„Ich hatte Angst aber der Eingriff musste einfach sein"
Bei Sandra Hierl war die Reaktionszeit stark verzögert, die Schädigung des Nervs demnach weit fortgeschritten. In diesem Stadium riet man ihr dringend zur Operation. Andernfalls könne es zu einer Rückbildung des Daumenballens, zu Problemen beim Greifen und zu bleibenden Empfindungsstörungen kommen. „Ich hatte Angst vor dem Eingriff', gesteht die dreifache Mutter. „Aber eine Alternative gab es nicht, zumal ich keine Möglichkeit sah, mich zu schonen. Ich brauche meine Hände, um Kinder und Haushalt zu versorgen. Außerdem stand ich unmittelbar davor, einen neuen Job anzufangen. Also entschied ich mich für die Operation."„Die Schmerzen und die Taubheit waren sofort weg"
Im September 2009 durchtrennte man ihr an der rechten, zwei Monate später an der linken Hand jeweils das Handwurzelband, das ein „Dach" über dem Karpaltunnel bildet. So wurden die Tunnel erweitert, der Druck von den Nerven genommen. Den Erfolg spürte Sandra Hierl sofort: „Schmerzen und Taubheitsgefühl waren weg. Ich konnte es kaum fassen." Heute geht es ihr so gut wie früher. „Die schlaflosen Nächte sind vorbei. Und ich packe wieder richtig zu."
Hintergrund: Karpaltunnelsyndrom
Dieses Syndrom betrifft vor allem 50- bis 60-jährige, Frauen dreimal häufiger als Männer. Typische Symptome sind kribbelnde oder taube Finger, Morgensteifigkeit und nächtliche Ruheschmerzen, die bei Ausschütteln der Hände nachlassen. Bei rechtzeitiger Diagnose lässt sich die Nervenfunktion in der Regel vollständig wiederherstellen, sei es durch Ruhe und Medikamente oder durch eine OP. Diese wird meist ambulant durchgeführt. Bei alleinstehenden Patienten übernehmen die Kassen aber auch oft einen Klinik-Aufenthalt.
Oft reicht Ruhe
Dr. Hartmut Neumann, Facharzt für Neurochirurgie, Praxisklinik Dr. Schneiderhan, Münchenmach mal Pause: Wie kommt es zu einem Karpaltunnelsyndrom?
Dr. Neumann: Die Ursachen sind vielfältig. Die Enge des Karpalkanals kann angeboren oder verletzungsbedingt sein. Aber auch Schwangerschaft und Wechseljahre, Stoffwechsel- und Nierenfunktionsstörungen bis hin zu rheumatischen Erkrankungen und Thrombosen können Auslöser sein.
mach mal Pause: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Dr. Neumann: Oft genügt schon, wenn der Patient das Handgelenk tagsüber schont und nachts mit einer gepolsterten Schiene ruhigstellt. Zusätzlich kann man schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente (Kortison) geben. Bleiben die Beschwerden, ist eine kleine OP notwendig.
mach mal Pause: Wie sollten sich die Patienten nach der OP verhalten?
Dr. Neumann: Weil die vollständige Heilung mindestens sechs Wochen braucht, sollten Patienten während dieser Zeit die Hand schonen und schweres Heben vermeiden.
mach mal Pause: Wie viel Prozent sind danach dauerhaft beschwerdefrei?
Dr. Neumann: Praktisch alle. Speziell die nächtlichen Missempfindungen verschwinden fast unmittelbar nach der Operation.
