Endlich schmerzfrei

Mit sanften Übungen Hexenschuss vorbeugen

24.03.2011 Jeder Zweite hat Rückenschmerzen. Auch wenn der Hexenschuss meist harmlos ist, leiden die Betroffenen sehr. Wir zeigen Ihnen, wie Sie mit sanften Pilates-Übungen den Schmerz stoppen und für die Zukunft vorbeugen.

Es kam scheinbar aus heiterem Himmel. „Ich hatte mit meiner Tochter getollt, wollte mich schnell umdrehen", erzählt Susanne Hilzum. „Da schoss es mir heftig ins Kreuz. Ich konnte nur in gekrümmter Haltung gehen."01.jpg Weil die höllischen Schmerzen auch tags darauf hartnäckig blieben, ging die 37-Jährige zum Arzt. Diagnose: Hexenschuss.
Damit steht die Bürokauffrau und Mutter nicht alleine da. „Jedes Jahr erleiden etwa 800.000 Menschen zwischen 16 und 80 Jahren einen plötzlichen Rückenschmerz", sagt der Orthopäde Dr. Reinhard Schneiderhan aus München. Ab einem Alter von 35 Jahren steigt das Risiko. Doch auch immer mehr junge Erwachsene müssen deshalb in die Praxis.

Rückenschmerzen: Volkskrankheit Nr. 1

In diesem Moment haben rund 30 Millionen Menschen in Deutschland Rückenweh. Schätzungen zufolge gehen knapp 26 Prozent aller Krankheitstage auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück - die meisten davon: Kreuzschmerzen.
Keine Panik. Ein Hexenschuss ist jedoch kein Grund zur Sorge: „In 90 Prozent der Fälle liegt nur eine Funktionsstörung vor", beruhigt der Arzt. „Wenn Wirbelkörper, Muskeln und Sehnen aus dem Gleichgewicht geraten." Etwa durch verspannte Muskeln.
02.jpgSchnell kann es ins Kreuz ziehen: Meist ist eine harmlose Verkrampfung der Muskeln Ursache für den Hexenschuss. Bandscheibenprobleme sind eher selten.
Lende betroffen. „Ein Hexenschuss tritt oft im Nackenbereich auf, am häufigsten ist jedoch die Wirbelsäule im Bereich der Lende betroffen", weiß Schneiderhan. Denn auf den Lendenwirbeln lastet das Gewicht des Oberkörpers, das mehr als die Hälfte des Körpergewichts ausmacht!

Blockade in der Wirbelsäule

Die schlimmen Schmerzen sind nur das Symptom verschiedener Erkrankungen: Durch Knochenschwund, Gelenkverschleiß, Bewegungsmangel, Übergewicht oder Fehlhaltungen können sich Wirbel verschieben oder Gelenke blockieren. Auch eine vorgerutschte Bandscheibe - „Bandscheibenvorfall" - kann die Beschwerden auslösen. Alles in allem entsteht ein Druck auf Nerv oder Wirbel.
Ganz typisch. Die „Hexe sticht" einen nur bei bestimmten Bewegungen ins Kreuz. „Typischerweise tritt der Schmerz zum Beispiel nach dem Heben, Bücken, Aufrichten oder Drehen auf", erläutert Schneiderhan. Die Schmerzen verschwinden aber spätestens nach einer Woche wieder. Falls nicht: „Gehen Sie zum Orthopäden, damit die Ursache abgeklärt werden kann", empfiehlt der Rückenspezialist und Buchautor. Ein Röntgenbild ist dafür aber nicht immer erforderlich. Oft kann der Arzt durch eine ausführliche Befragung des Patienten schon eine Diagnose stellen.
Schnelle Hilfe. Tritt ein Hexenschuss auf, hilft diese Sofort-Maßnahme: „Am besten auf den Rücken legen", erklärt Schneiderhan. „Dann die Unterschenkel auf einen Stuhl legen. Die Knie bilden dabei einen rechten Winkel. Bleiben Sie zehn Minuten so liegen." Diese Stufenlagerung entspannt die Lendenwirbelsäule und nimmt so den Druck von den Bandscheiben. Auch Wärme, etwa ein Kirschkernkissen oder eine Wärmflasche, wirkt lindernd. Notfalls stoppen Schmerztabletten mit dem Wirkstoff Ibuprofen kurzfristig die Beschwerden.

In der Regel geht es ohne Operation

Je nach Ursache helfen Krankengymnastik und Physiotherapie. „Selten muss operiert werden", so der Experte. „Oft kann man mit minimalinvastven Methoden, also mit kleinen Eingriffen, Abhilfe schaffen. Beispielsweise, wenn die Ursache die Bandscheiben sind."
Muskeln stärken. Um langfristig vorzubeugen, muss die gesamte Rückenmuskulatur gestärkt werden. „Je kräftiger die Muskeln, desto besser wird die Wirbelsäule gestützt", erläutert Schneiderhan.

Training hält den Rücken gesund

Sanfte Sportarten wie Pilates trainieren die Muskeln von Rücken, Bauch und Beinen. Die von Joseph Hubertus Pilates entwickelten Übungen sind eine Mischung aus asiatischem Kampfsport, Yoga und westlicher Gymnastik. Ein Körpertraining für Jung und Alt, bei dem Muskeln gleichzeitig gedehnt und gekräftigt werden.
Wirbelsäule stärken. Bei Pilates wird vor allem die Körpermitte, „Powerhouse" genannt, gestärkt. Also die tiefliegenden Muskeln von Rumpf, Wirbelsäule und Beckenboden. Der Körper soll aus der Mitte heraus gestrafft und somit aufgerichtet werden. Denn die richtige Körperhaltung beugt Rückenschmerzen vor.
Aber auch kurz nach einem akuten Hexenschuss lässt sich dadurch die Beweglichkeit wiederherstellen. Die Muskelbewegungen fördern die Durchblutung und damit die Selbstheilung.
Einfache Übung. „Um Pilates zu machen, muss man keine Sportskanone sein", sagt Schneiderhan. „Jeder kann mit einfachen Übungen anfangen. Hauptsache, man tut etwas!" Mit unseren Übungen können Sie ganz leicht einsteigen. Wichtig: Beim Training immer schön den Bauch anspannen und so das „Powerhouse" aktivieren! Fortgeschrittene können die Übungen öfter wiederholen.

Rückenschmerzen können ein Signal sein

Wenn es im Kreuz wehtut, können Erkrankungen dahinterstecken. Welche das sein könnten und was Sie im Ernstfall tun sollten.
  • Magen-Probleme. Bei Magengeschwüren tut es manchmal in der Rückenmitte weh. Tipp: bei Nüchternschmerz und schwarzem Stuhl zum Arzt!
  • Geburt. Manche Schwangere haben kurz vor der Geburt verstärkt Rückenweh. Tipp: vom Gynäkologen klären lassen, ob es schon Wehen sind.
  • Zähne. Fehlende Zähne oder schlechte Füllungen sind oft Ursache für einen fehlerhaften Biss. Weil die Kiefermuskeln dies ausgleichen wollen, kann das zu verspannten Muskeln führen - und so auch zu Rückenbeschwerden. Tipp: Gebiss checken lassen.
  • Bauchspeicheldrüse. Das Organ liegt quer vor der Wirbelsäule. Ist die Bauchspeicheldrüse entzündet, kann das zu Kreuzweh führen. Tipp: bei Druckschmerz und geblähtem Bauch Arzt fragen!
  • Herzinfarkt. Bei Frauen kann ein Infarkt mit Bauch- und Rückenweh einhergehen. Tipp: bei heftigen Schmerzen in der Brust. Schweißausbrüchen und Todesangst sofort Notruf 112 wählen!

Jeden Tag zehn Minuten Pilates für einen gesunden Rücken

03.jpg1: Stabilisiert die Wirbelsäule. Locker auf den Rücken legen. Hände neben das Gesäß. Beine gebeugt abstellen. Bauch anspannen! Nun das linke Bein heben, Unterschenkel parallel zum Boden. Dann das rechte Bein anheben. Kein Hohlkreuz! 10 bis 15 Atemzüge lang halten, 30 Sekunden Pause. Füße absetzen. Sechsmal machen.

2: Für Bauch und Oberschenkel. Rückenlage, Bauch anspannen. Beine abknicken, anheben, so dass die Unterschenkel parallel zum Boden sind. Kopf und Schulter heben, Arme seitlich an den Beinen vorstrecken. Arme in kleinen Pumpbewegungen auf und ab bewegen. Dauer: 10 bis 15 Atemzüge, 30 Sekunden Pause. Sechsmal.

04.jpg3: Kräftigt die Körperrückseite. Legen Sie sich auf den Bauch. Hände neben den Brustkorb. Bauch anspannen. Den Oberkörper vorsichtig aufrichten, dabei mit beiden Händen abdrücken. Kopf und Hals locker anheben. In dieser Stellung fünf Sekunden bleiben, dann Oberkörper ablegen. Acht- bis zehnmal wiederholen.

4: Stärkt den Rücken. Bauchlage, Bauch anspannen, Beine strecken. Arme nach hinten nehmen, Handflächen zeigen nach oben. Arme zu den Füßen strecken. Kopf, Schulter und Beine gleichzeitig anheben. Fünf Sekunden halten. Achtmal. Trainiert übrigens auch Oberarm-, Schulterblatt-, Rücken-, Po- und Oberschenkelmuskeln.05.jpg

SOS-Tipps

1. Langsam,nicht ruckartig aufrichten!
2. Nicht setzen, sondern die Wirbelsäule entlasten. Auf den Boden legen, die Unterschenkel auf einen Hocker legen.
3. Rücken wärmen, z.B. mit Wärmepflaster

Buch-Tipp

06.jpg"Schmerzfrei daheim & im Büro". Gesunder Rücken von Dr. Reinhard Schneiderhan (Klaus Oberbeil Verlag, 9,90 Euro)

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