Sagen Sie mal, Herr Dr. Schneiderhan...

10.06.2011 REINHARD SCHNEIDERHAN leitet eine orthopädische Praxis in München 03.jpg und ist Präsident der deutschen Wirbelsäulenliga. Der 50 Jahre alte Experte für Rückenbeschwerden hat zudem zwei Bücher über die „Volkskrankheit Nummer eins" veröffentlicht. Sowohl in seinem Freundeskreis auf diversen Chartertörns als auch bei seiner beruflichen Tätigkeit ist Dr. Schneiderhan aufgefallen, dass eine zunehmende Zahl von Seglern unter Rückenschmerzen leidet.

... geht der Segelsport besonders ins Kreuz?

04.jpgVerdrehte Haltung, kein fester Halt, die Kurbel weit vom Körper – so ist die Arbeit an einer Winsch eine Belastung für den Rücken

Nein. Reiten beispielsweise ist viel gefährlicher für den Rücken. Auch Skifahren kann solche Risiken bergen. Oder Golf. Beim Segeln kommt es darauf an, wie man sich vorbereitet, wie man sich kleidet und wie man an Bord agiert.
Und? Wie macht man es richtig?
Die Wirbelsäule fürchtet ruckartige Bewegungen und stoßartige Belastungen, speziell, wenn sie unterkühlt ist. Rückenbeschwerden von Seglern liegen daher oft mehrere Ursachen zugrunde, etwa die Kombination von falscher Bekleidung und falschen Bewegungen.
Welche Bewegungen sind kritisch?
Schlecht vorbereitet und unbedacht ausgeführt, kann zum Beispiel das Anheben eines schweren Segelsacks heftige Konsequenzen haben. Es muss nicht gleich ein Hexenschuss sein, doch häufig sind schmerzhafte Muskelverspannungen die Folge. Oder eine Blockierung in einem der Wirbelgelenke.
Wie hebt man denn korrekt?
Lasten sollten verteilt auch mit der Kraft aus den Beinen, nicht nur dem Rücken hochgehoben werden. Schwere Gegenstände sollten nicht vor dem Körper getragen werden, sondern an ihm.
Wie können Segler sonst noch vorbeugen?
Mitentscheidend ist eine den äußeren Bedingungen angemessene, atmungsaktive und warmhaltende Kleidung. Da sind Segler manchmal zu leichtsinnig. Frieren im lässigen T-Shirt ist nicht cool, sondern kalt – und damit gefährlich. Zum einen leidet die muskuläre Bereitschaft, zum anderen im Verlaufe eines langen Tages auf See die Konzentration. Das gilt übrigens auch für Kinder an Bord, obwohl ihre Körper mehr wegstecken können.
Und abgesehen von der Bekleidung?
Wichtig ist, langanhaltende einseitige Belastungen zu vermeiden. Sind die unumgänglich, sollte wenigstens die Sitzhaltung immer wieder einmal verändert werden. Vor einem Törn empfehlen sich außerdem Aufwärm- und Dehnübungen. Die mache ich auch vor jedem langem OP-Tag. Solche Übungen kann man an Bord wiederholen.
Zum Beispiel?
Bein- und Rückenmuskulatur dehnen: Am Niedergang einen Fuß auf die zweite Stufe etwa 40 Zentimeter hoch stellen und das andere Bein strecken. Oder einfach mal aufstehen statt lange sitzend segeln, die Arme nach oben recken, den Oberkörper strecken und dabei tief einatmen. Danach in Kniebeuge ausatmen. Solche kleinen Einheiten haben deutlich mehr Wirkung, als viele ihnen zutrauen.
Welche Rolle spielt der Trainingszustand?
Viele Segler stellen körperliche Fitness nicht in den Mittelpunkt ihres Hobbys, oft genügt das Sitzen am Steuer, der Genuss am Segeln. Solche Segler mit vergleichsweise schlechtem Muskelstatus bringen per se ein höheres Gefahrenpotenzial mit an Bord. Untrainierte sollten sich nicht zu viel zumuten. Es geht darum, sich selbst richtig einzuschätzen. Bei extrem rauem Wetter haben sich Segler sogar schon Stauchungsbrüche zugezogen. Auch hier gilt es, die auftretenden Lasten zu verteilen, also nicht alle Stöße mit dem Rücken abzufangen, sondern die Beine als eine Art Federung zu nutzen. Noch besser: vorausschauend planen und als Schiffsführer die Crew immer rechtzeitig vor möglichen Stößen warnen. Gefährlich sind solche Schläge vor allem, wenn sie überraschend kommen.

Interview: Tatjana Pokorny

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