Das Kreuz mit dem Rücken
Probleme mit dem Rücken hat fast jeder im Laufe seines Lebens. BUNTE erklärt, welche Therapien wann am besten helfen

Röntgen hilft oft nicht weiter, Tasten bringt mehr
Schmerzen an der WirbelsäuleDie beiden häufigsten Operationsverfahren sind die Laminotomie, bei der Ärzte Teile vom Wirbel entfernen, wenn er zum Beispiel durch Arthrose verändert ist und auf Nerven drückt. Und die sogenannte Spondylodese, die Wirbelsäulenversteifung. Dabei setzen Mediziner Schrauben oder Metallfedern als Verbindung zwischen zwei Wirbeln ein, die durch Abnutzung instabil geworden sind. Allerdings sind die Operationen umstritten, weil sie nicht ungefährlich sind. Sie können zu Verwachsungen und Vernarbungen führen, die wiederum Beschwerden nach sich ziehen. Eine aktuellem Studie der Techniker Krankenkasse kommt zu dem Ergebnis, dass vier von fünf Rückenoperationen gar nicht notwendig sind.
Schauspieler Johnny Depp , 48, bekam beim Dreh zum neusten "Fluch der Karibik"-Streifen Rückenschmerzen: Der Ischiasnerv!Das bestätigt auch Dr. Martin Marianowicz , Wirbelsäulenspezialist aus München. In seinem Buch „Aufs Kreuz gelegt" (Arkana Verlag, 17,95 Euro) erklärt er, warum er 80 Prozent der Rückenoperationen für überflüssig hält. „Der Grund dafür, dass zu häufig operiert wird, sind falsche Diagnosen." Logische Folge: Die Patienten erhalten nicht die erforderliche Therapie, die Beschwerden verschwinden auch nach den Eingriffen nicht.
Es scheint unerklärlich, dass Fehldiagnosen entstehen - trotz ausgeklügelter und flächendeckend verfügbarer Bildgebungsverfahren wie Röntgen, Magnetresonanz- oder Computertomografie. Prof. Michael Forsting , Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, sieht allerdings genau darin den Grund: „In Deutschland wird zu viel geröntgt" , kritisiert der Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie des Universitätsklinikums Essen. „Häufig wird die Diagnose bei Rückenbeschwerden einzig anhand von Röntgen- oder CT-Aufnahmen gestellt." Ärzte und Patienten seien „bildergläubig" und vertrauten nur dem, was die Aufnahmen zeigen.
Gwyneth Paltrow , 38, bekam ihre Schmerzen mit Naturheilkunde in den Griff, George Clooney , 50, erlitt 2004 einen Bandscheibenvorfall, Eva Longoria , 36, verrenkte sich den Rücken schmerzhaft, Vitali Klitschko , 40, wurde zweimal am Rücken operiert (von links)Ein fataler Irrtum – denn als Folge von altersbedingtem natürlichem Verschleiß lassen sich bei so gut wie jedem über 50-Jährigen Veränderungen an der Wirbelsäule nachweisen. Und die müssen keineswegs immer Beschwerden hervorrufen. Auf der Röntgenaufnahme eines Patienten mit starken Rückenschmerzen sieht man zum Beispiel einen Bandscheibenvorfall in einem bestimmten Segment und an einem anderen zusätzlich eine Vorwölbung. „Der Chirurg operiert dann den Vorfall, obwohl die Beschwerden womöglich von der Vorwölbung ausgehen - und die Operation bleibt erfolglos" , erklärt Orthopäde Schneiderhan. „Wesentlich treffsicherer sind deshalb Diagnosen, die der Arzt durch Befragung des Patienten und manuelle Untersuchung stellt" , ergänzt Experte Marianowicz.
Die häufigste Ursache für Rückenschmerzen sind Muskelverspannungen - durch Fehlbelastung, Überlastung oder Inaktivität. Der Muskel wird hart, beinahe jede Bewegung schmerzt, weshalb der Betroffene sie vermeidet. Diese Schonhaltung zieht weitere Verspannungen nach sich, ein Teufelskreis beginnt. Schauspielerin Ursula Karven, 46, hatte diese Rückenprobleme. Mit Yoga verschwanden sie. An zweiter Stelle der Rückenprobleme steht der Hexenschuss mit starken Schmerzen. Er tritt meist im Lendenwirbelbereich auf, kann aber auch den Nacken treffen. Ursache sind vor allem starke Muskelverspannungen, die plötzlich auftreten, etwa nach Heben oder Bücken. Seltener sind Verschleißerscheinungen und Nervenreizungen die Auslöser. Ebenfalls häufig: Ischiasschmerzen. Der Ischiasnerv beginnt am Rückenmark in Höhe der Lendenwirbelsäule und führt über das Gesäß ins Bein. Ist die Nervenwurzel gereizt, etwa weil sie eingeengt ist, verursacht das starke kribbelnde Schmerzen. Schauspieler Johnny Depp , 48, machte diese unschöne Erfahrung bei den Dreharbeiten zum Film „Fluch der Karibik - Fremde Gezeiten": „Ich muss beim Stunt irgendwas mit meinem Rücken gemacht haben und hatte am Ende ein Ischiasproblem" , erzählte er in einem Interview. Nach einigen Wochen hatte sich der Nerv wieder beruhigt.
Laser und Hitze können Bandscheiben-OP ersparen
Bandscheibenprobleme sind die vierthäufigste Ursache für Rückenschmerzen. Beim Bandscheibenvorfall verrutscht dieser Puffer zwischen zwei Wirbeln. Sein weicher Gallertkern durchbricht die festere faserige Hülle der Bandscheibe und drückt auf umliegende Nerven. Bei der Bandscheibenvorwölbung dagegen verlagert sich die Bandscheibe nur ein bisschen, ohne dass der Faserring reißt. Aber auch abgenutzte und damit zu schmale Bandscheiben können erhebliche Probleme verursachen. Moderatorin Elke Heidenreich , 68, musste sich kürzlich wegen eines Bandscheibenvorfalls operieren lassen. Es gibt aber auch Alternativen zum Skalpell. Skirennläufer Felix Neureuther , 27, bekam die Erkrankung etwa mit einem speziellen Reha-Programm in den Griff. Bewegungstraining und Muskelaufbau, Entspannungstechniken und Tabletten können helfen. Greifen diese Maßnahmen nicht, gibt es stärkere Methoden wie Injektionen mit Schmerzmitteln oder entzündungshemmenden und lokal betäubenden Substanzen.
U2-Sänger Bono , 51, half 2010 eine Notoperation am Rücken, Schriftstellerin, Elke Heidenreich , 68, hatte eine Bandscheiben-OP, Skistar Felix Neureuther , 27, trainierte gegen den Rückenschmerz, Michelle Hunziker , 34, hatte schon als Kind Rückenprobleme (von links)Alternativ können oft auch moderne minimalinvasive Eingriffe eine große Rückenoperation ersetzen. Zum Beispiel eine Laserbehandlung. Dabei führen Mediziner mit einer Mikronadel den hochenergetischen Laserstrahl direkt in die Bandscheibe hinein und schrumpfen damit vorgewölbtes Gewebe, das auf Nerven drückt. Gleichzeitig schaltet die Methode Schmerzfasern in der Bandscheibe aus.
Wenig belastend ist auch die Hitzesonde bei Ischiasschmerzen oder Bandscheiben- und Wirbelgelenkverschleiß: Der Orthopäde führt computergesteuert eine dünne Nadel an die Schmerzpunkte. Die Spitze der Sonde wird erhitzt und blockiert damit Schmerzfasern.
Beide Methoden - Bandscheibenlaser und Hitzesonde - werden in der Klinik durchgeführt und dauern meist nicht länger als eine halbe Stunde. Nach ein bis zwei Tagen können die Patienten wieder nach Hause.
Eine weitere Behandlungsalternative sind entzündungshemmende und heilungsfördernde Medikamente, die Ärzte über einen Wirbelsäulenkatheter an zwei Tagen schubweise verabreichen. Besonders bei akuten und chronischen Schmerzen durch Bandscheiben- und Nervenprobleme hat sich diese Methode bewährt.
Anfänglich geriet der Racz-Katheter, benannt nach dem Begründer Prof. Gabor Racz , in Misskredit, weil nach der Behandlung bei einigen Patienten Infektionen auftraten. „Die Technik wurde jedoch weiterentwickelt, ist dadurch risikoärmer und wird heute an vielen Universitätskliniken erfolgreich angewendet" , sagt Reinhard Schneiderhan. Alle genannten Methoden haben sich inzwischen bewährt und werden von den Krankenkassen gezahlt.
Relativ neu und nicht als Kassenleistung erhältlich ist dagegen die Bandscheibenzellzüchtung, ein Verfahren zur biologischen Wiederherstellung der Bandscheibe. Dafür entnehmen Ärzte mit feinsten Spezialinstrumenten Zellen aus dem Bandscheibengewebe. Im Labor vermehren sich diese Zellen und werden dann in die Bandscheibe zurücktransplantiert. Dort sollen sie neues Bandscheibengewebe bilden.
„Die Methode ist nur dann erfolgreich, wenn das entnommene Gewebe noch regenerationsfähige Zellen enthält" , schränkt Orthopäde Schneiderhan ein. Das trifft vor allem bei jüngeren Patienten zu. Bislang wird diese Behandlung auch nur sehr selten durchgeführt, große Studien fehlen noch.
Bewegungstraining, Injektionen, minimalinvasive Eingriffe oder doch die klassische Operation: Woher weiß ich, welche Therapie die richtige für mich ist? „Es kommt nicht darauf an, die in der Kernspinaufnahme sichtbaren Schäden zu reparieren" , sagt Rückenspezialist Marianowicz. Ausschlaggebend sei vielmehr, wie stark die Beschwerden den Patienten belasten und in seinen Alltagsaktivitäten einschränken.
Die wichtigsten Ziele jeder Therapie sind: schmerzfrei werden, die Entzündung in den Griff bekommen und den womöglich bedrohten Nerv retten. „Dann hat der Körper nämlich die Chance, sich selbst zu heilen" , erklärt Marianowicz.
Was dem Rücken gut tut
Entspannung für den Rücken: Yoga hilftWeitere Tipps :
- Unter www.schmerzliga.de finden Betroffene Infos und Hilfe bei der Suche nach Therapeuten.
- Unter www.wirbelsaeulenliga.de kann man sich über aktuelle Forschung informieren und Tipps für den Alltag holen.
- Auf der Seite der Dt. Gesellschaft für Orthopädie und Orthopäd. Chirurgie
(www.dgooc.de) finden interessierte Laien Gesundheitstipps und die Leitlinien für eine fachgerechte Behandlung.
So erkenne ich einen guten Orthopäden
Jeder Rückenschmerz ist anders. Darum muss auch die Therapie individuell abgestimmt sein. Das funktioniert, wenn sich der Arzt Zeit nimmt und sich auf den Patienten einlässt- Mindestens 20 Minuten sollte eine Untersuchung dauern.
- Der Arzt lässt den Patienten die Beschwerden genau beschreiben. Er hört aufmerksam zu und stellt Fragen.
- Der Orthopäde verlässt sich nicht auf Bilder. Beim Abtasten fühlt er leichte Schwellungen, prüft die Druckempfindlichkeit und erkennt Verspannungen und Sensibilitätsstörungen
